Erwachsene Bleifüße

Als ich einen halben Meter hoch war, mussten meine Füße nicht besonders groß und schwer sein, für einen stabilen Stand. Ohne große Müh’ konnte ich meine Knie an die Nase ziehen, um daran zu schnuppern. Meine Mutter, die das nicht zu können schien, war so beeindruckt von meiner Knieleichtigkeit, dass sie mir manchmal kleine Äpfel auf das angewinkelte Knie legte, die ich dann mit einem Schwung schnappen konnte. Jedes Mal klatschte sie begeistert und sagte, dass ich in der Übung bleiben müsse.

Je älter und höher ich wurde, desto rascher wuchsen meine Füße. Unglücklicherweise stagnierte ihr Gewicht bei wachsender Länge, sodass beim alljährlichen Füßewiegen  ein FMI im Bereich starken Untergewichts festgestellt wurde. Das war die Folge des inflationären Apfelschnappens. Der bärtig-besorgte Podologe verschrieb mir also Bleipillen, die ich dreimal täglich einnehmen musste. Viele Patienten würden sie nehmen, um sich ohne Sorge in eine Böe stellen zu können. Die Zeiten wurden windiger. So füllten sich meine Füße nach und nach mit Blei. Das war eine gute Sache, wenn man eine menschliche Leiter bauen oder Suizid in einem 1,71 m tiefen Tümpel begehen wollte. Doch ich trauerte meinen kleinen Äpfeln nach, die ich von da an nie wieder gegessen oder angesehen hatte. Als ich meine endgültige Höhe und Länge erreicht hatte, wogen meine Füße genauso viel wie der restliche Körper, womit ich über 100 kg wog. Vor lauter Frust aß ich tagtäglich nichts weiter als eine Stange Rhabarber, auf die ich nicht verzichten mochte. Schon bald war mein Körper oberhalb der Füße so hauchdünn, dass ich im Wind hin und her flatterte. Ich fühlte mich andächtig. Und während ich jahrelang so dahin flatterte, baute sich das Blei in meinen Füßen langsam wieder ab. Erwartungsfroh fieberte ich dem bleifreien Tag entgegen. Ich würde erhobenen Knies zu meiner Mutter laufen und die klitzekleinen Äpfel schnappen.

Ich zählte die Wochen, wobei ich mich immer wieder verzettelte und neu beginnen musste. Nach einiger Zeit, die ich falsch gezählt hatte, konnte ich endlich meine Zehen und Füße bewegen. Übermütig wollte ich das Bein zum Schwung ausholen, doch fühlte ich keine Leichtigkeit, sondern ein Ächzen aus meinem Mund. Beirrt musste ich am Haus meiner Mutter feststellen, dass sie schon lang keine kleinen Äpfel mehr besorgt hatte. Ich war ergreist.