Valentins Tag

Loving

Jedes Jahr am 14. Februar war Valentin den ganzen Tag so wütend, dass sein Kopf ganz schmal und bleich vor Wut wurde.  Von seinen Eltern hatte er stets ungeteilte Aufmerksamkeit erfahren, sodass seine drei Geschwister aufgrund eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms im Kinderheim arbeiten mussten, wo ältere, einsame Herrschaften Kindern ein bisschen Zuneigung schenken konnten. Valentin war es also nicht gewohnt, nicht der Mittelpunkt aller Interessen zu sein. Seiner Wichtigkeit wegen wurde der Valentinstag und sein Geburtstag unter gleichen Bedingungen zelebriert und er lebte in dem Glauben, dass er als Mensch höchster Priorität zwei Geburtstage hatte. Als seine Eltern jedoch bei einem Unfall auf der A3, bei dem jemand Pietätloses schwere Pferde von der Autobahnbrücke gestoßen hatte, grausam von Pferdehaaren erdrosselt wurden, hatten Valentins doppelte Geburtstage ein Ende und Valentin entwickelte sich zu einem Erwachsenen schwerer Kindheit. Seine Eltern mussten ablebensbedingt aufgeben, den Valentinstag als Valentins Tag zu feiern und von nun an unter Gras wohnen. An besonders schlechten Tagen machte es Valentin Mut, dass nicht nur er die Arschkarte gezogen hatte.

Jedes Jahr am 14. Februar interessierte sich niemand, wirklich niemand für Valentin. All die Kathrins, Heidis und Birten hatten nur Augen für Thorstens, Christians und Bernds. Sie schenkten sich gegenseitig rot angemalte Rosen, Schachteln voll Pralinen und verbrachten bei einem romantischen Spanferkelessen gemeinsam den Abend. Selbst der Versuch von sich in der dritten Person zu sprechen, brachte ihm keine Gratulationen ein. Die ersten Jahre nach dem Ableben seiner Eltern ließ ihn das Aufmerksamkeitsdefizit noch regelmäßig in Tränen ausbrechen, doch schon bald war er so abgeklärt, dass er am 14. Februar keine Emotionen mehr außer grenzenloser Wut zeigen konnte. Er spuckte an jenem Tage Pärchen, dessen Weg er kreuzte, abschätzig vor die Füße und beleidigte ihre nicht sehr glücklich gewachsenen Körperteile. Valentin liebte die Schwachstellen anderer Menschen, da sie seine Perfektion mit einem dicken Edding unterstrichen. Er hatte zwar bemerkt, dass er zu einem garstigen, jungen Mann geworden war, aber es gab in Valentins Welt keinen Platz für Nicht-Valentins, die am Valentinstag den Valentin nicht feierten. Sie feierten ohne Rücksicht ihren Egozentrismus und waren auch noch froh dabei. Man müsse sich mal vorstellen, dachte Valentin, dass für jeden an jemandes Geburtstag Geburtstagstorten gebacken werden würden, nur für das Geburtstagskind nicht. Das sei ein Skandal für all die verwöhnten Bälger, aber er, der gepeinigte Valentin, könne das nicht überstehen. So beschloss er am 14. Februar irgendeines Jahres seinem Schicksal ein Ende zu setzen und ritt auf einem Esel im Galopp als Geisterreiter auf der A3 entlang bis sie von einem Lastkraftwagen, der rote Rosen transportierte, erfasst wurden und einen tragischen Tod erlitten.

An den darauffolgenden Valentinstagen schmückte Valentins Gesicht die Titelseite aller Tageszeitungen. „Der Valentin, der am Valentinstag Suizid begangen hatte“ ging in die Geschichte ein und der Valentinstag wurde doch noch zu Valentins Tag.