Verpasst

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Meine Generation hat so viel Angst zu verpassen, den Augenblick zu verleben, an Orten zu verkleben. Dinge scheinen nur existent, wenn sie dokumentiert und geteilt werden. Reaktion wird zum Indikator für Schönheit. Denn ist sie still, so ist sie nicht relevant und versinkt in all den lauten Schönheiten.

Ich hatte mal einen sehr farbenreichen, verworrenen Traum. Dort war ich an einem Ort, der so aussah wie ich mir Australien vorstellen würde, wenn ich eine Vorstellung von Australien hätte. Während eines Sonnenuntergangs stand ich am Strand und betrachtete die Skyline einer sich am Horizont abzeichnenden, australischen Stadt. Die Farben des Sonnenuntergangs waren nicht wie gewohnt in warme Rottöne gefasst, sondern die Mitte des Himmels war durch eine vertikale, fließende Linie geteilt. Eine Seite zeigte die düstere Nacht und auf der anderen Seite war sonniger Tag. Ich betrachtete diesen wundersamen Moment nicht, wie man solche betrachten sollte, nicht voller Hingabe den Augenblick aufsaugend. Denn ich schaute durch einen Bildschirm auf die Wirklichkeit und eine Spiegelung der Wirklichkeit ist nicht wirklich. Wie wild fotografierte ich das Szenario und sprang wie ein Zirkusäffchen am Strand entlang, um den perfekten Augenblick einzufangen. Als die Dunkelheit ihren Mantel über die Welt gelegt hatte, wollte ich voller Freude meine zahlreichen Bilder betrachten.

Aber dann musste ich siedend heiß feststellen, dass sich keine einzige Aufnahme von dem Sonnenuntergang im Speicher befand, lediglich Selfies, von mir, den Sonnenuntergang fotografierend.