Er stirbt einfach nicht

Handcommercial

Es war so weit, Kasimir sollte an diesem Tag im Alter von 45 Jahren endlich sterben. Das hatten die Ärzte des zuständigen Krankenhauses durch mathematische Anstrengungen auf Basis der Goldman-Hodgkin-Katz-Gleichung ermittelt, damit sich Patient und Angehörige auf die Umstände einstellen konnten. Nach einem Schwächeanfall beim mittwöchlichen Pastakochen hatten Kasimir und seine Lebensgefährtin Carla das örtliche Krankenhaus aufgesucht. Die Sache war schnell klar, die Diagnose schwer: sterbenskrank. „Da ist nichts zu machen“, hatte Kasimir festgestellt und sich gefragt, wie lang die Kündigungsfrist seiner zahlreichen Zeitschriftenabonnements war. Carla hatte über Tage immer wieder betroffen geschluchzt und sich ab dem dritten Tag in die Planung von Kasimirs Abschied gestürzt. Sie war besonders gut darin, Veranstaltungen zu arrangieren, sodass es außer Frage stand, wer die Planung übernehmen werde. Als mäßig erfolgreiche Anwältin konnte sie in der Kanzlei wenigstens mit der ordentlichen Stapelung köstlich-warmer Waffeln in der Kaffeeküche punkten. In Prozessen hingegen redete sie zu viel um den heißen Brei herum, sodass sie noch keines der Fälle für ihre Mandanten entscheiden konnte. Wegen der Waffeln hatte man aber von einer Kündigung abgesehen.

„Herr?“ — „Borke“ ,beendete Kasimir die Frage des Chefarztes, der gerade hereinspaziert war. „Herr Borke, wie ich sehe, ist alles vorbereitet, opus spatium“, er und die Assistenzärzte schauten sich staunend im Raum um. Währenddessen war eine Krankenschwester damit beschäftigt, die Infusion an Kasimirs Arm zu befestigen. „Gut sehen Sie aus“, flüsterte sie mit einem warmen Lächeln. Kasimir lächelte nicht zurück, da er Angst hatte, seine durch Mitleid erzeugte Attraktivität könnte die Krankenschwester aus dem Konzept bringen. Und mit einem blauen Arm zu sterben, hatte er nun wirklich nicht vor. Der Chefarzt schrieb mit gespitzten Fingern auf seinem Klemmbrett in die Patientenakte, schaute über seine Brille hinweg auf die Werte des Monitors, sah durch die Brille auf die Uhr und verkündete: „Um 16 Uhr rechnen wir mit Ihrem Tod. Deinde finis. Da wir uns vorher nicht mehr sehen werden, möchte ich Ihnen herzlich für den Aufenthalt in unserer Klinik danken. Leben Sie wohl!“ Kasimir nickte und reichte allen Weißkitteln freundlich die Hand. Beim Verlassen des Raumes entsorgte der Chefarzt Kasimirs Patientenakte im Papiermülleimer, warf schwungvoll seine weißen Ärmel zurück und desinfizierte sich an dem hierfür vorgesehenen Spender leidenschaftlich die Unterarme und Hände.

Als die Tür erst schnell und dann langsam ins Schloss fiel, wurde durch den erzeugten Luftzug eine der grünen Girlanden am Ende des Krankenbettes abgerissen. Langsam segelte sie gen Boden, vor Irenes Füße. Sie musste den leichten Windstoß gespürt haben, trotzdem schien sie mehr damit beschäftigt, immer wieder den Kopf zu schütteln und einen betenden Gruß Richtung Himmel zu senden. Irene war Kasimirs Mutter und durchaus senil. Carla sprang schnell auf und fischte die Girlande vom Boden, um sie wieder am Bett zu befestigen. „Wer will Waffeln?“, fragte sie, während sie Kasimir prüfend musterte. So sterbenskrank sah er gar nicht aus, mehr abwesend, wie immer, dachte sie bei sich. Irene bewegte sich einen Zentimeter nach vorn: „Die Vernunft macht immer heller, in welchem Dunkel wir auch leben.“ Dabei lief ihr unglücklicherweise etwas Speichel am Mund hinunter. „Lass uns doch noch auf Kurt warten, er wollte gegen 15.30 Uhr hier sein“, schlug Kasimir vor. Er und Kurt waren jahrelang Kollegen in der Automobilbranche gewesen, bis Kasimir im Zuge der Automatisierung durch eine freundliche Roboterin namens ‚Roberta‘ ersetzt wurde. Kurze Zeit später ist auch Kurt zu seinem 30-Jährigen Firmenjubiläum, fristlos gekündigt worden, da herausgekommen war, dass er sich seit Jahren bei der Nettomarge um 0,2 % verrechnet hatte. Außerdem war man sein lautes, etwas schleimiges Räuspern im exakten Zweiminutentakt leid gewesen. Kasimir freute sich auf seinen alten Kollegen, der ihm immer wieder ein bisschen Seriosität in sein Leben brachte. „Wir kaufen nichts!“, zeterte Irene, als es an der Tür klopfte. Carla schritt zur Tür und ließ Kurt herein. Er drückte ihr einen etwas zu feuchten Kuss auf die Hand und trat, einen strubbligen Hund hinter sich herziehend, ein. „Oh, seit wann hast Du denn einen Hund?“, wunderte sich Carla. Kurt beugte sich herunter und fing an, den Hund grob zu tätscheln: „Das ist Pudel, den hab ich vor zwei Wochen ins Boot geholt. Wir stecken gerade mitten in der Einarbeitung, bald kann er wohl einige Aufgaben selbstständig übernehmen.“ Pudel war ein Dackel. Carla war sich nicht sicher, ob Hunde im Krankenhaus erlaubt waren, entschied dann aber, dass das an einem Tag wie diesem auch nicht ganz so wichtig war. Kasimir gab Kurt die Hand: „Was für ein Tag“, seufzte Kurt und räusperte sich besonders schleimig. Sie setzten sich alle auf die um das Bett gereihten Stühle und aßen jeweils eine von Carlas Waffeln, die sie auf der Fensterbank mit extra wenig umweltfreundlichen Papptellern und -gabeln hergerichtet hatte. „Das ist doch kein Pudel“, murmelte Irene argwöhnisch. Es war mittlerweile 15.50 Uhr und an der Zeit, entweder das Heimspiel des örtlichen Fußballvereins im Radio zu verfolgen oder Kasimir zu verabschieden. Kasimirs Fingerspitzen kribbelten, als habe er zuvor hyperventiliert. Er konnte nicht genau ausmachen, ob es ein Gefühl der Aufregung oder der Angst war. Sein Hungergefühl war zumindest gestillt. Carla pulte an ihrer Nagelhaut, die schon ganz weiß geworden war. „Nun, begann sie pathetisch, gleich gehst Du von uns. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Du fehlen wirst. Aber nicht als Mensch, denn davon gibt es genug und außerdem arbeitest Du ja nicht und bist daher weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich wertvoll. Aber ich mochte Dich auf eine Weise, die man wohl Liebe nennt. Mir wirst Du fehlen, aber ansonsten wird nur irgendwer irgendwo auf dieser Welt sterben, wie zu jeder Sekunde. Und wir, wir werden schon wieder glücklich werden, wenn Du nur sagst, dass wir wieder glücklich werden. Das ist wichtig.“ Sie redete schon wieder um den heißen Brei herum. „Da liegst Du richtig“, sagte Kasimir. Kurt räusperte sich und klopfte seinem ehemaligen Kollegen auf die Schulter. Irene warf ein angebissenes Waffelherz von ihrem Schoß auf den Boden und kreuzigte sich falsch herum. Es war 15.57 Uhr.  Carla schaute sich bedeutungsvoll um und schaltete den CD-Player neben dem Krankenbett ein. Es ertönte ein Klassiker, zu dem Kasimir keinerlei emotionale Bindung hatte. Langsam spielte ein überaus bekannter Musiker Trompete. Pudel lief freudig um das Bett herum und schnüffelte in besonders engen Ecken, als würde er nach dem nach Rind duftenden Sinn des Lebens suchen. „Das ist doch ein Dackel“, Irene stand auf, schleppte sich zu ihrem Sohn und nahm seine Hand: „Du bist als Mensch nicht weniger wert, nur weil Du Deine Stelle verloren hast.“ Kasimir war sich sicher, dass Irene unter einem Vitamin-B12-Mangel litt. Es war soweit. Die bestürzten Gesichter beugten sich über Kasimirs Bett, sodass er in vollkommenem Schatten lag. Langsam schloss er die Augen und dachte an das letzte Mal, als er glücklich war.

Der Klassiker erreichte seinen musikalischen Höhepunkt, als die Uhr auf Punkt Vier sprang. Kurz stand die Luft im Zimmer, kein Staubkorn schien sich zu bewegen, nur Pudels Hundeschwanz wedelte abwartend, bis Kurt sich wieder schleimig räuspern musste. Die angespannten Körper wurden ruhiger und die angezogenen Schultern entspannten sich wieder. Es war vorbei. Carla atmete tief durch: „Na, das war doch schön. Jetzt ist er im Himmel und schaut zu uns runter.“ Kasimir war nicht im Himmel und schaute auch nicht runter. Aber er erlaubte sich den Spaß, noch etwas regungslos liegen zu bleiben. Nur Irene stand immer noch über Kasimir gebeugt am Bett. Dabei bewegten sich, wenn man ganz genau hinsah, ihre feinen weißen Haare, als wären es kleine Würmchen. „So, und jetzt holst Du Deine Leine. Wie ich Dir das bereits gezeigt habe“, sagte Kurt gleichsam erklärend und herrisch zu seinem Dackel. Pudel lief einmal hektisch durch den Raum, erstmals nicht wissend, was er eigentlich suchte, und kam ohne Leine zurück. Er blieb trotzdem positiv, ganz im Gegensatz zu Kurt. „Also dann, das Leben ist kein Ponyhof.“ Er nahm wutentbrannt die Leine, schnallte seinen Hund an und verließ mürrisch murmelnd das Krankenzimmer. Das Leben war tatsächlich kein Ponyhof. Nachdem Kasimir noch eine weitere Minute darüber nachdenkend, ob er dieses Leben überhaupt weiterleben wollte, abgewartet hatte, öffnete er die Augen. Carla, die gerade dabei war, alle Sachen zusammenzupacken, um dem Krankenhauspersonal alsbald Bescheid geben zu können, erschrak so sehr, dass sie versehentlich flatulierte: „Kasimir, Du bist ja gar nicht gestorben. Oder sind das noch irgendwelche Nervenzuckungen“, sie sah sich hilflos um, es stank fürchterlich, „ich habe davon ja keine Ahnung. Willst Du ein Wasser?“ Man stand vor einem Rätsel. Carla rief das Krankenhauspersonal. Nach etwa drei Minuten kam wieder die Traube von Ärzten hereinspaziert. Als sie sahen, dass Kasimir munter sich am Kinn kratzend im Bett saß, fingen sie fassungslos an zu murmeln: „Hoc est non potest. In diagnosis patet. Miraculum. Nun, Herr Borke“, ergriff der Chefarzt das Wort, „das ist unmöglich. Die Diagnose war eindeutig und korrekt berechnet“ Einer der Assistenzärzte schaltete sich ein: „Allerdings bräuchten wir das Zimmer für diese Nacht, da hier ein Notfall nächtigen wird und wir ja damit gerechnet hatten, dass Sie sterben.“ Er schien innerlich aufgebracht. Carla tätschelte mütterlich Kasimirs Schulter und sagte: „Kein Problem, er kann ja auf dem Flur bleiben und sich mit anderen Fehldiagnostizierten unterhalten. Ich denke, die Stühle dort sind bequem genug für die Nacht.“ Kasimir war froh, dass er nicht seinen Senf dazugeben musste. Er hatte die Umstände nach dem Nichteintreffen seines Todes nicht bedacht und daher auch keine Antworten parat. Er stand auf und zog sich eine Jeanshose unter das Krankenhaushemd. Die Krankenschwestern begannen bereits, das Bett neu zu beziehen, das voll Puderzucker war. Der Chefarzt legte keine neue Patientenakte an. Clara führte Kasimir in den Flur auf einen mit Samt überzogenen Stuhl, der tatsächlich sehr komfortabel aussah. Sonst befand sich niemand, außer einer geschmacklosen Topfpflanze, auf dem Flur. Alle anderen waren scheinbar ordnungsgemäß verstorben.  „Ich muss mich leider verabschieden“, druckste Carla, „ich treffe mich mit meinem neuen Freund.“ Kasimir stockte, denn er hätte sich beim Hinsetzen fast an der Armlehne gestoßen: „Wo hast Du den denn so schnell her?“ Sie biss sich etwas zu fest auf ihre Unterlippe und antwortete: „Wir haben uns im Supermarkt kennengelernt, er war das Werbegesicht einer Zwiebackwerbung und dann habe ich mich unter der Servicenummer nach ihm erkundigt.“ „Ach so“, sagte Kasimir an der Nase kratzend. Natürlich hatte sie sich einen neuen Freund gesucht. Sonst wäre sie ja jetzt ganz allein. Keiner ist gern allein. „Ich komme morgen mal und schaue nach Dir, aber geplant habe ich es nicht, rechne also nicht damit“, sagte sie und streichelte sein Bein etwas zu mütterlich, bevor sie ging.

Kasimir blieb zurück und lehnte sich an die kalte Wand. Auch wenn er nichts fühlte, fühlte er einen kalten Schauer durch sein Inneres laufen. Es war ihm eigentlich ganz lieb gewesen, dass die plötzliche Diagnose weiteren Lebensplänen einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Denn er hatte keine Pläne, weder für sein eigenes Fortbestehen noch für das der Welt. Nun saß er dort, dummerweise quicklebendig. Für diesen Teil hatte Carla nichts arrangiert, Carla war angemessen lang geblieben, genau bis zu seinem angeblichen Ableben anwesend, sogar ein wenig länger. Sie hatte auf Grundlage der Diagnose weitere Pläne geschmiedet. Das nahm er ihr nicht übel, aus diesem Grund wurden Diagnosen immerhin gestellt. Keiner hätte das ahnen können, und doch fühlte er sich verloren in der Ungewissheit der folgenden Tage. Wenn er nun in der Wirrheit der Zeit weiterleben müsste, die ihn nur allzu oft erstarren ließ.  Ja, was wäre dann. Kasimir war nicht besonders gut darin, Pläne frei aus dem Nichts heraus zu schmieden, da er weder besondere Fähigkeiten noch außergewöhnliche Talente besaß. Er hatte kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, über einer Grünfläche aus einem Flugzeug zu springen, sich für eine Minute wie ein Stück Papier lustig um sich selbst zu drehen und anschließend kein Stück schlauer auf den Füßen rutschend zu landen, doch er war nicht sonderlich risikofreudig. Kasimir fragte sich, ob Nichts als Basis für ein Leben überhaupt geeignet war. Würde er nun nicht sterben und das Leben ihm offen stehen, wäre das ein Neuanfang. Baute ein Neuanfang auf dem Ende des vorherigen Anfangs auf oder entstünde da etwas neu aus dem Nichts, fragte er sich weiter. Ersteres bedeutete, dass er weiter, aber neu, inmitten eines Strudels schwebend dösen würde, Letzteres, dass er etwas würde, was er vorher nicht war. An diesem Punkt stutzte Kasimir: Konnte man etwas werden, wenn man noch nichts war?

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass die Ärzte des zuständigen Krankenhauses in ihren mathematischen Anstrengungen auf Basis der Goldman-Hodgkin-Katz-Gleichung den Faktor Null vergessen hatten. Kasimir war in der Nacht in Ratlosigkeit verstorben.