Er stirbt einfach nicht

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Es war so weit, Kasimir sollte an diesem Tag im Alter von 45 Jahren endlich sterben. Das hatten die Ärzte des zuständigen Krankenhauses durch mathematische Anstrengungen auf Basis der Goldman-Hodgkin-Katz-Gleichung ermittelt, damit sich Patient und Angehörige auf die Umstände einstellen konnten. Nach einem Schwächeanfall beim mittwöchlichen Pastakochen hatten Kasimir und seine Lebensgefährtin Carla das örtliche Krankenhaus aufgesucht. Die Sache war schnell klar, die Diagnose schwer: sterbenskrank. „Da ist nichts zu machen“, hatte Kasimir festgestellt und sich gefragt, wie lang die Kündigungsfrist seiner zahlreichen Zeitschriftenabonnements war. Carla hatte über Tage immer wieder betroffen geschluchzt und sich ab dem dritten Tag in die Planung von Kasimirs Abschied gestürzt. Sie war besonders gut darin, Veranstaltungen zu arrangieren, sodass es außer Frage stand, wer die Planung übernehmen werde. Als mäßig erfolgreiche Anwältin konnte sie in der Kanzlei wenigstens mit der ordentlichen Stapelung köstlich-warmer Waffeln in der Kaffeeküche punkten. In Prozessen hingegen redete sie zu viel um den heißen Brei herum, sodass sie noch keines der Fälle für ihre Mandanten entscheiden konnte. Wegen der Waffeln hatte man aber von einer Kündigung abgesehen.

„Herr?“ — „Borke“ ,beendete Kasimir die Frage des Chefarztes, der gerade hereinspaziert war. „Herr Borke, wie ich sehe, ist alles vorbereitet, opus spatium“, er und die Assistenzärzte schauten sich staunend im Raum um. Währenddessen war eine Krankenschwester damit beschäftigt, die Infusion an Kasimirs Arm zu befestigen. „Gut sehen Sie aus“, flüsterte sie mit einem warmen Lächeln. Kasimir lächelte nicht zurück, da er Angst hatte, seine durch Mitleid erzeugte Attraktivität könnte die Krankenschwester aus dem Konzept bringen. Und mit einem blauen Arm zu sterben, hatte er nun wirklich nicht vor. Der Chefarzt schrieb mit gespitzten Fingern auf seinem Klemmbrett in die Patientenakte, schaute über seine Brille hinweg auf die Werte des Monitors, sah durch die Brille auf die Uhr und verkündete: „Um 16 Uhr rechnen wir mit Ihrem Tod. Deinde finis. Da wir uns vorher nicht mehr sehen werden, möchte ich Ihnen herzlich für den Aufenthalt in unserer Klinik danken. Leben Sie wohl!“ Kasimir nickte und reichte allen Weißkitteln freundlich die Hand. Beim Verlassen des Raumes entsorgte der Chefarzt Kasimirs Patientenakte im Papiermülleimer, warf schwungvoll seine weißen Ärmel zurück und desinfizierte sich an dem hierfür vorgesehenen Spender leidenschaftlich die Unterarme und Hände.

Als die Tür erst schnell und dann langsam ins Schloss fiel, wurde durch den erzeugten Luftzug eine der grünen Girlanden am Ende des Krankenbettes abgerissen. Langsam segelte sie gen Boden, vor Irenes Füße. Sie musste den leichten Windstoß gespürt haben, trotzdem schien sie mehr damit beschäftigt, immer wieder den Kopf zu schütteln und einen betenden Gruß Richtung Himmel zu senden. Irene war Kasimirs Mutter und durchaus senil. Carla sprang schnell auf und fischte die Girlande vom Boden, um sie wieder am Bett zu befestigen. „Wer will Waffeln?“, fragte sie, während sie Kasimir prüfend musterte. So sterbenskrank sah er gar nicht aus, mehr abwesend, wie immer, dachte sie bei sich. Irene bewegte sich einen Zentimeter nach vorn: „Die Vernunft macht immer heller, in welchem Dunkel wir auch leben.“ Dabei lief ihr unglücklicherweise etwas Speichel am Mund hinunter. „Lass uns doch noch auf Kurt warten, er wollte gegen 15.30 Uhr hier sein“, schlug Kasimir vor. Er und Kurt waren jahrelang Kollegen in der Automobilbranche gewesen, bis Kasimir im Zuge der Automatisierung durch eine freundliche Roboterin namens ‚Roberta‘ ersetzt wurde. Kurze Zeit später ist auch Kurt zu seinem 30-Jährigen Firmenjubiläum, fristlos gekündigt worden, da herausgekommen war, dass er sich seit Jahren bei der Nettomarge um 0,2 % verrechnet hatte. Außerdem war man sein lautes, etwas schleimiges Räuspern im exakten Zweiminutentakt leid gewesen. Kasimir freute sich auf seinen alten Kollegen, der ihm immer wieder ein bisschen Seriosität in sein Leben brachte. „Wir kaufen nichts!“, zeterte Irene, als es an der Tür klopfte. Carla schritt zur Tür und ließ Kurt herein. Er drückte ihr einen etwas zu feuchten Kuss auf die Hand und trat, einen strubbligen Hund hinter sich herziehend, ein. „Oh, seit wann hast Du denn einen Hund?“, wunderte sich Carla. Kurt beugte sich herunter und fing an, den Hund grob zu tätscheln: „Das ist Pudel, den hab ich vor zwei Wochen ins Boot geholt. Wir stecken gerade mitten in der Einarbeitung, bald kann er wohl einige Aufgaben selbstständig übernehmen.“ Pudel war ein Dackel. Carla war sich nicht sicher, ob Hunde im Krankenhaus erlaubt waren, entschied dann aber, dass das an einem Tag wie diesem auch nicht ganz so wichtig war. Kasimir gab Kurt die Hand: „Was für ein Tag“, seufzte Kurt und räusperte sich besonders schleimig. Sie setzten sich alle auf die um das Bett gereihten Stühle und aßen jeweils eine von Carlas Waffeln, die sie auf der Fensterbank mit extra wenig umweltfreundlichen Papptellern und -gabeln hergerichtet hatte. „Das ist doch kein Pudel“, murmelte Irene argwöhnisch. Es war mittlerweile 15.50 Uhr und an der Zeit, entweder das Heimspiel des örtlichen Fußballvereins im Radio zu verfolgen oder Kasimir zu verabschieden. Kasimirs Fingerspitzen kribbelten, als habe er zuvor hyperventiliert. Er konnte nicht genau ausmachen, ob es ein Gefühl der Aufregung oder der Angst war. Sein Hungergefühl war zumindest gestillt. Carla pulte an ihrer Nagelhaut, die schon ganz weiß geworden war. „Nun, begann sie pathetisch, gleich gehst Du von uns. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Du fehlen wirst. Aber nicht als Mensch, denn davon gibt es genug und außerdem arbeitest Du ja nicht und bist daher weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich wertvoll. Aber ich mochte Dich auf eine Weise, die man wohl Liebe nennt. Mir wirst Du fehlen, aber ansonsten wird nur irgendwer irgendwo auf dieser Welt sterben, wie zu jeder Sekunde. Und wir, wir werden schon wieder glücklich werden, wenn Du nur sagst, dass wir wieder glücklich werden. Das ist wichtig.“ Sie redete schon wieder um den heißen Brei herum. „Da liegst Du richtig“, sagte Kasimir. Kurt räusperte sich und klopfte seinem ehemaligen Kollegen auf die Schulter. Irene warf ein angebissenes Waffelherz von ihrem Schoß auf den Boden und kreuzigte sich falsch herum. Es war 15.57 Uhr.  Carla schaute sich bedeutungsvoll um und schaltete den CD-Player neben dem Krankenbett ein. Es ertönte ein Klassiker, zu dem Kasimir keinerlei emotionale Bindung hatte. Langsam spielte ein überaus bekannter Musiker Trompete. Pudel lief freudig um das Bett herum und schnüffelte in besonders engen Ecken, als würde er nach dem nach Rind duftenden Sinn des Lebens suchen. „Das ist doch ein Dackel“, Irene stand auf, schleppte sich zu ihrem Sohn und nahm seine Hand: „Du bist als Mensch nicht weniger wert, nur weil Du Deine Stelle verloren hast.“ Kasimir war sich sicher, dass Irene unter einem Vitamin-B12-Mangel litt. Es war soweit. Die bestürzten Gesichter beugten sich über Kasimirs Bett, sodass er in vollkommenem Schatten lag. Langsam schloss er die Augen und dachte an das letzte Mal, als er glücklich war.

Der Klassiker erreichte seinen musikalischen Höhepunkt, als die Uhr auf Punkt Vier sprang. Kurz stand die Luft im Zimmer, kein Staubkorn schien sich zu bewegen, nur Pudels Hundeschwanz wedelte abwartend, bis Kurt sich wieder schleimig räuspern musste. Die angespannten Körper wurden ruhiger und die angezogenen Schultern entspannten sich wieder. Es war vorbei. Carla atmete tief durch: „Na, das war doch schön. Jetzt ist er im Himmel und schaut zu uns runter.“ Kasimir war nicht im Himmel und schaute auch nicht runter. Aber er erlaubte sich den Spaß, noch etwas regungslos liegen zu bleiben. Nur Irene stand immer noch über Kasimir gebeugt am Bett. Dabei bewegten sich, wenn man ganz genau hinsah, ihre feinen weißen Haare, als wären es kleine Würmchen. „So, und jetzt holst Du Deine Leine. Wie ich Dir das bereits gezeigt habe“, sagte Kurt gleichsam erklärend und herrisch zu seinem Dackel. Pudel lief einmal hektisch durch den Raum, erstmals nicht wissend, was er eigentlich suchte, und kam ohne Leine zurück. Er blieb trotzdem positiv, ganz im Gegensatz zu Kurt. „Also dann, das Leben ist kein Ponyhof.“ Er nahm wutentbrannt die Leine, schnallte seinen Hund an und verließ mürrisch murmelnd das Krankenzimmer. Das Leben war tatsächlich kein Ponyhof. Nachdem Kasimir noch eine weitere Minute darüber nachdenkend, ob er dieses Leben überhaupt weiterleben wollte, abgewartet hatte, öffnete er die Augen. Carla, die gerade dabei war, alle Sachen zusammenzupacken, um dem Krankenhauspersonal alsbald Bescheid geben zu können, erschrak so sehr, dass sie versehentlich flatulierte: „Kasimir, Du bist ja gar nicht gestorben. Oder sind das noch irgendwelche Nervenzuckungen“, sie sah sich hilflos um, es stank fürchterlich, „ich habe davon ja keine Ahnung. Willst Du ein Wasser?“ Man stand vor einem Rätsel. Carla rief das Krankenhauspersonal. Nach etwa drei Minuten kam wieder die Traube von Ärzten hereinspaziert. Als sie sahen, dass Kasimir munter sich am Kinn kratzend im Bett saß, fingen sie fassungslos an zu murmeln: „Hoc est non potest. In diagnosis patet. Miraculum. Nun, Herr Borke“, ergriff der Chefarzt das Wort, „das ist unmöglich. Die Diagnose war eindeutig und korrekt berechnet“ Einer der Assistenzärzte schaltete sich ein: „Allerdings bräuchten wir das Zimmer für diese Nacht, da hier ein Notfall nächtigen wird und wir ja damit gerechnet hatten, dass Sie sterben.“ Er schien innerlich aufgebracht. Carla tätschelte mütterlich Kasimirs Schulter und sagte: „Kein Problem, er kann ja auf dem Flur bleiben und sich mit anderen Fehldiagnostizierten unterhalten. Ich denke, die Stühle dort sind bequem genug für die Nacht.“ Kasimir war froh, dass er nicht seinen Senf dazugeben musste. Er hatte die Umstände nach dem Nichteintreffen seines Todes nicht bedacht und daher auch keine Antworten parat. Er stand auf und zog sich eine Jeanshose unter das Krankenhaushemd. Die Krankenschwestern begannen bereits, das Bett neu zu beziehen, das voll Puderzucker war. Der Chefarzt legte keine neue Patientenakte an. Clara führte Kasimir in den Flur auf einen mit Samt überzogenen Stuhl, der tatsächlich sehr komfortabel aussah. Sonst befand sich niemand, außer einer geschmacklosen Topfpflanze, auf dem Flur. Alle anderen waren scheinbar ordnungsgemäß verstorben.  „Ich muss mich leider verabschieden“, druckste Carla, „ich treffe mich mit meinem neuen Freund.“ Kasimir stockte, denn er hätte sich beim Hinsetzen fast an der Armlehne gestoßen: „Wo hast Du den denn so schnell her?“ Sie biss sich etwas zu fest auf ihre Unterlippe und antwortete: „Wir haben uns im Supermarkt kennengelernt, er war das Werbegesicht einer Zwiebackwerbung und dann habe ich mich unter der Servicenummer nach ihm erkundigt.“ „Ach so“, sagte Kasimir an der Nase kratzend. Natürlich hatte sie sich einen neuen Freund gesucht. Sonst wäre sie ja jetzt ganz allein. Keiner ist gern allein. „Ich komme morgen mal und schaue nach Dir, aber geplant habe ich es nicht, rechne also nicht damit“, sagte sie und streichelte sein Bein etwas zu mütterlich, bevor sie ging.

Kasimir blieb zurück und lehnte sich an die kalte Wand. Auch wenn er nichts fühlte, fühlte er einen kalten Schauer durch sein Inneres laufen. Es war ihm eigentlich ganz lieb gewesen, dass die plötzliche Diagnose weiteren Lebensplänen einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Denn er hatte keine Pläne, weder für sein eigenes Fortbestehen noch für das der Welt. Nun saß er dort, dummerweise quicklebendig. Für diesen Teil hatte Carla nichts arrangiert, Carla war angemessen lang geblieben, genau bis zu seinem angeblichen Ableben anwesend, sogar ein wenig länger. Sie hatte auf Grundlage der Diagnose weitere Pläne geschmiedet. Das nahm er ihr nicht übel, aus diesem Grund wurden Diagnosen immerhin gestellt. Keiner hätte das ahnen können, und doch fühlte er sich verloren in der Ungewissheit der folgenden Tage. Wenn er nun in der Wirrheit der Zeit weiterleben müsste, die ihn nur allzu oft erstarren ließ.  Ja, was wäre dann. Kasimir war nicht besonders gut darin, Pläne frei aus dem Nichts heraus zu schmieden, da er weder besondere Fähigkeiten noch außergewöhnliche Talente besaß. Er hatte kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, über einer Grünfläche aus einem Flugzeug zu springen, sich für eine Minute wie ein Stück Papier lustig um sich selbst zu drehen und anschließend kein Stück schlauer auf den Füßen rutschend zu landen, doch er war nicht sonderlich risikofreudig. Kasimir fragte sich, ob Nichts als Basis für ein Leben überhaupt geeignet war. Würde er nun nicht sterben und das Leben ihm offen stehen, wäre das ein Neuanfang. Baute ein Neuanfang auf dem Ende des vorherigen Anfangs auf oder entstünde da etwas neu aus dem Nichts, fragte er sich weiter. Ersteres bedeutete, dass er weiter, aber neu, inmitten eines Strudels schwebend dösen würde, Letzteres, dass er etwas würde, was er vorher nicht war. An diesem Punkt stutzte Kasimir: Konnte man etwas werden, wenn man noch nichts war?

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass die Ärzte des zuständigen Krankenhauses in ihren mathematischen Anstrengungen auf Basis der Goldman-Hodgkin-Katz-Gleichung den Faktor Null vergessen hatten. Kasimir war in der Nacht in Ratlosigkeit verstorben.

Wie wird der Krieg morgen?

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„Sag mal, weißt Du, wie der Krieg morgen wird? Ich wollte heute eventuell deine Wäsche waschen“, fragte Helen, während sie einen riesigen Wäschekorb hochhob. Ihr Oberkörper bog sich beachtlich nach hinten und der Wäschekorb drückte sich auf ihre Hüftknochen. Michael blickte nach ewigen Minuten auf und schaute ins Leere: „Hm?“. Helen holte tief Luft und versuchte es erneut: „Sag mal, weißt Du, wie der Krieg morgen wird? Ich wollte heute eventuell deine Wäsche waschen.“ Sie stellte den Wäschekorb einmal ab, massierte kurz ihre Hüftknochen und hob ihn dann schwungvoll wieder auf ihr Gerüst. Michael antwortete schnell: „Ne ne, lass das mal. Im Fernsehen haben sie gesagt, morgen soll es besonders blutig werden. Dann musst du ja übermorgen wieder alles waschen.“ Er stand auf, drehte das Licht der Stehlampe mehr in seine Richtung und setzte sich wieder an den Schreibtisch, um eine bunte Stadtkarte sorgfältig zusammenzufalten. Dem Schreibtisch fehlte ein Bein, stattdessen wurde die Tischplatte von einer Beinprothese gehalten. Michael hatte sie bei einer Beinprothesenauktion für einen mittelteuren Preis erworben. Eigentlich lagen genug kostenlos auf der Straße herum, doch die waren meist nicht einwandfrei und unhygienisch. Außerdem gab Michael gern Geld aus, wenn es möglich war.

Helen stellte den Wäschekorb vor ihr Bett, um sich daran zu erinnern, die Wäsche zu waschen, wenn sie beim Aufstehen darüber stolpern würde. „Dann gehe ich jetzt einkaufen“, rief sie Michael zu und nahm einen Stoffbeutel sowie eine Waffe von dem Haken neben der Tür. Michael rief: „Ist gut, dann mache ich mich jetzt zur Arbeit“, zurück. Auf dem Weg nach unten, musste Helen über ein paar Nachbarn steigen, denn offenbar hatte man sich im Flur zu einem Mittagessen zusammengefunden. Es roch nach frisch gekochten Sojabohnen. Helen schnupperte hungrig in die Luft und legte einen Schritt zu. Ihre 1-Zimmerwohnung lag genau über einem Restaurant, das sie hin und wieder besuchten. Um von der Haustreppe zur Haustür zu gelangen, musste man normalerweise im Zickzack-Schritt durch die im Restaurant essenden Menschen gehen. Oft genug kam Michael mit gekochten Sojabohnen im Schuh oben an, die er dann in einem Sieb wusch und in einer Schüssel auf der Fensterbank sammelte. Heute war jedoch kein einziger Gast im Restaurant und der Inhaber lief fluchend vor dem Fenster hin und her, offenbar bemüht, das Telefon in sein Ohr einzuführen. Helen klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter: „Schon wieder ein Kochtopf geklaut?“. Sie schlenderte weiter. Auf der Straße war buntes Treiben und Helen hatte Gefallen daran, die spielenden Kinder zu beobachten. Sie hätte gern die Namen gekannt, um ihnen viel Spaß zu wünschen. Aber das wäre ganz und gar sinnlos, denn sie wechselten täglich ihr Gesicht. Die Zeit war zu kurzlebig für Namen. Helen blickte in die Weiten der Stadt. Gegenüber von ihrer Wohnung hatte einst eine andere Häuserreihe gestanden, aber diese war vor einigen Wochen durch die Druckwelle einer Bombe eingestürzt. Nun konnten Michael und Helen von ihrem Fenster aus sehen, wenn etwas Neues in der Stadt geschah.

Der Weg zum Marktstand war lang, da dieser jeden Tag an einem anderen Standort war und man ihn suchen musste. Das war notwendig, weil die Plünderungen in der Stadt zugenommen hatten und jeder Laden mit festem Standort Bankrott gegangen oder kurz davor war. Helen liebte es, in der Stadt spazieren zu gehen, daher machte es ihr nichts aus. Besonders gut gefielen ihr die neuen Formen der eingestürzten Gebäude, in denen sie Figuren und Gesichter zu erkennen glaubte. Da sie keine Kamera besaß, versuchte sie sich alles einzuprägen, um irgendwann mal jemandem davon erzählen zu können. Die Frage einer Frau riss Helen aus ihrem entzückten Blick: „Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein Taschentuch für mich?“ Ihr lief etwas Blut am Bein herunter. Helen holte die Waffe aus dem Beutel und gab ihr das Stück Stoff. „Vielen Dank“, sagte die Frau freundlich und ging weiter. Helen war froh, dass sie heute erfreulich wenig angefasst wurde. Die sich im Stoffbeutel abzeichnende Waffe zeigte Wirkung. „Eine gute Investition!“, dachte Helen bei sich. So konnte sie sich vor lästigen Vergewaltigungen schützen, die ihr sonst immer wertvolle Zeit geraubt hatten. So ging sie also leichten Schrittes durch enge Gassen und gedrängte Menschenmengen. Sie war mittlerweile schon so lang gegangen, dass sie den Grund ihres Ausfluges fast vergessen hätte, als sie endlich Frauen und Kinder mit gefüllten Stoffbeuteln erblickte. Der Marktstand befand sich am Ende einer Sackgasse, die an amerikanische Gangsterfilme erinnerte. Nur dass sich am Ende kein Müllcontainer, sondern ein Verkäufer, der die Zurufe seiner Kundschaft zu erfüllen versuchte, befand. Einige Kinder und junge Erwachsene lehnten an der Hauswand und aßen freudig aus ihren Beuteln. Sie hielten große saftige Äpfel in ihren Händen und das gierig-frohe Leuchten ihrer Augen, wenn sie ihn vor dem Biss stolz in den Händen drehten, ließ Helens Herz aufleuchten. Sie stellte sich in die Reihe hinter einen kleinen Jungen, der ungeduldig auf der Stelle trat. Er schaute besorgt zu Helen hinauf und fragte: „Werde ich auch einen Apfel bekommen?“ Sie wollte gerade antworten, dass wenn es irgendeine Gerechtigkeit in dieser Stadt gäbe, er ganz bestimmt einen Apfel bekommen würde, als ein regelmäßiges Trappeln lauter wurde. Die Köpfe streckten sich abwechselnd, um einen Blick erhaschen zu können. Die Getarnten marschierten mit wichtigem Blick und gekräuselter Stirn dicht gefolgt von einer Marschkapelle an der Gasse vorbei. Es ertönte feierliche Musik und die Arme der Menschen wurden wie automatisiert in die Höhe geworfen. Die Kinder schrien vor Freude und liefen den Getarnten hinterher, um sie mit Glück einmal berühren zu dürfen. Helen schwelgte, die Musik gab Hoffnung, die stählernen Arme symbolisierten Kraft. Neben ihr fielen reihenweise Frauen vor Bewunderung in Ohnmacht. Sie empfand tiefe Liebe für dieses Szenario, das den Menschen so viel gab. Ein Getarnter bog in die Gasse ein, umarmte einige Kinder und verbeugte sich vor dem Verkäufer des Marktstandes. Er ließ sich seinen riesigen Stoffbeutel mit Äpfeln füllen, verbeugte sich erneut und reihte sich wieder in die Kolonne ein. „Einmal winken!“, rief jemand an der Front und alle Getarnten drehten sich zur Menschenmenge, lachten herzlich und winkten zur Melodie.

Als die Musik in der Ferne verstummt war, begaben sich die Menschen schniefend wieder an ihren Platz. Helen blieb glückselig zurück und schaute sich nach dem kleinen Jungen um. Sie schaute in jeder Ecke, hinter den Menschen und unter Röcken, doch sie konnte ihn nirgends finden. Schließlich entdeckte sie den Jungen inmitten einer Traube von Kindern, er lag unbeweglich auf dem Boden, sein Mund war blass und ein wenig geöffnet. Die Kinder liefen um ihn herum und drückten mit ihren kleinen Fingern in seine schlaffe Backe. Helen schluckte und betrachtete das schöne Kind einen Moment lang. Es war als hätte die Zeit einen kleinen Sprung nach hinten gemacht. Dann klatschte sie einmal in ihre Hände, um Zuständige zu informieren. Es war nicht davon auszugehen, dass er einen Apfel bekommen hatte, geschweige denn, dass er jemals einen bekommen hatte. Helen ärgerte sich, dass sie mal wieder von Emotionen übermannt worden war und eine Gefühlsregung für dieses kleine Wesen verspürt hatte. „Mit Sentimentalitäten gewinnt man keinen Krieg“, hallten Michaels Worte durch Helens Kopf, doch sie vergaß das in den unpassendsten Momenten. Ein wenig missmutig ihrer Unzulänglichkeiten wegen und ohne Äpfel trat sie den Heimweg an. Nun war jedoch keine Zeit mehr für Schlendereien, da es heftig zu bomben begann und die Menschen bemüht waren, nicht in einen Hagel zu geraten. Helen lief dicht an den Häuserreihen vorbei und der kleine Beutel voll Sojabohnen raschelte dabei aufgeregt hin und her. Sie kam gerade rechtzeitig in der Wohnung an, denn draußen herrschte bereits ein Chaos. Menschen liefen durcheinander, der Blick wurde durch weißen Staub in der Luft getrübt und es stank fürchterlich. Die Wohnungstür stand offen und Helen lugte erst einmal durch den Türspalt, um sich zu versichern, dass niemand Fremdes sich Zutritt verschafft hatte. Michael trat hinter sie und lugte ebenfalls hinein. Als alle überzeugt schienen, ging man rein. Es schien alles wie zuvor, außer dass sich ein kreisrundes Loch in der Wand befand. Der weiße Staub und der Lärm von der Straße drangen ein und hinten begann jemand zu husten. Michael drehte sich erfreut um und verkündete feierlich: „Sehen Sie, der Krieg ist unberechenbar und steckt voller Überraschungen. Niemand weiß, was morgen passieren wird. Seize the day! Carpe diem! Sie sagen es, wir leben es.“ Durch die Reisegruppe drang ein Raunen, erstaunte Gesichter nickten sich gegenseitig zu, einer klatschte begeistert: „Weiter, weiter, mehr, mehr!“ Michael schaute zufrieden in die Runde und sagte: „Damit haben Sie heute alles gesehen, was zum Alltag des Krieges gehört. Zum Abschluss werden wir mit den heute erworbenen Sojabohnen ein typisches Abendessen für Sie arrangieren. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen und Sie buchen das nächste Mal wieder bei „War Tours“. Michael verbeugte sich und erntete Applaus.

Helen lächelte müde und setzte sich auf die Fensterbank, um die Sojabohnen zu waschen. Dabei vermischte sich langsam das hecktische Treiben auf der Straße mit ihren Tagträumen von spielenden Kindern, womit sie sicher einschlief.

Der schlechteste Erzähler der Welt

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Schon mal auf Thunfischsaft ausgerutscht? Ich arbeite viel, so viel, dass ich regelmäßig in Tränen ausbreche, vor Wut, Trauer und Hunger. Diese Woche war wieder besonders ermüdend und langweilig. Das raubt mir jegliche Fantasie, in allen Bereichen. Fragen mich Bekannte nach Kindernamen, sage ich grundsätzlich Horst, egal, ob Junge oder Mädchen. Horst ist universal und vor allem fragt mich danach nie wieder jemand. Ich hasse Kinder, mit denen kann man wirklich keine ordentliche Unterhaltung führen. Beim Kochen werde ich auch furchtbar unkreativ. Moment, ich muss mal eben nach der Pizza schauen, das ist meine letzte.

Wo war ich? In jeder Thunfischdose ist auch ein bisschen Delfin mit drin, 40%, hab ich gelesen. Also hab ich gleich eine Thelfinpizza oder so. Eigentlich könnte man das auch charmant vermarkten: “Thelfin: Thunfisch küsst Delfin.” Gab’s so noch nicht, glaube ich. Diese Werbeleute sind doch so euphemistisch unterwegs und die Journalisten eh. Wäre doch super grausam, ich meine, die armen Delfine. Thunfische sind egal, weil nicht süüß. Jeder, der nicht süüß ist, darf geschlachtet und filetiert werden. Ich finde Angela Merkel ganz und gar nicht süüß. Aber auch allgemein die CDU nicht. Christlich, wer ist denn schon noch christlich? Das ist total unmodern. Ob meine Pizza wohl bald fertig ist, langsam werde ich wütend.

Ich esse die jetzt einfach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ups, voll eingenickt! Ich hatte aber einen abgefahrenen Verdauungstraum, den muss ich noch kurz erzählen. Irgendwo in Australien, ich kenne nur Sydney, habe ich wie wild Fotos von einem Sonnenuntergang gemacht, als wäre ich gerade frisch gebackener Abiturient. Und dann war da noch so ein Gorilla an einer Lichtung, das war im Dschungel. Ich weiß nur gerade nicht, was das miteinander zu tun hatte. Ähm, vor dem Gorilla hatte ich auf jeden Fall richtig Angst und bin halt logischerweise weggelaufen. Aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr wegzulaufen und wollte ihn verscheuchen, in dem ich eine Banane in die entgegengesetzte Richtung geworfen habe. Der Gorilla hat mich nur irritiert angesehen und fragte: “Was soll das denn jetzt, ich bin bananointolerant!” Es stellte sich heraus, dass er Backpacker war und mich nur zum Tango auffordern wollte. Er reichte mir seine Klaue und sagte, dass Tango eine erlaubte Umarmung mit Unbekannten sei. Dem konnte ich natürlich nicht widerstehen. Hatschi …  hatschi … hatschi. Ich niese immer genau drei Mal. Auf jeden Fall tanzte ich den Rest der Nacht Tango mit dem Gorilla. Er schwelgte in der Nostalgie, der Musik die aus dem Plattenspieler ertönte.

So, nun zurück zur eigentlichen Geschichte. Jury hatte also ein Delfintrauma. Wer Jury ist, muss ich nicht erzählen. Jury ist ein Allerweltscharakter, wenn man ihn nicht kennt, sollte man sich lieber gleich erlegen oder ihn einfach googlen. Ich glaube, Jury war etwa sechs Jahre alt, als er das erste Mal seinen Fuß in irische Gewässer tunkte. Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich später herausstellte. Aber erst mal zu seinem Werdegang. Er hatte 3,5 Beziehungen, einmal mit einem Mann, aber das war nur eine halbe Beziehung, weil ja ein entscheidender Teil fehlte, nämlich die Frau. Die Frauen hießen Fanny, Helen und der letzte Name ist mir gerade entfallen. Vermutlich war es ein besonders femininer Name wie Claire. Der Mann hieß Bert und ist bis heute an Jurys Seite. Bestimmt schreit jetzt jemand wie ein Brüllaffe los: “ICH FIND DAS VOLL OK, DASS JURY SCHWUL IST!” Danke für Deine primitive Meinung, gehe bitte sterben! Ich bin sowieso für eine erhöhte Sterbe- und eine geringere Geburtenrate. Es gibt einfach zu viele Arschlöcher. Ich wäre lieber ganz allein auf dieser Welt mit meinem von Konservierungsstoffen aufgeblähten Bauch. Dann würde ich auch nicht mehr furzen. Furzen ist ein so hässliches Wort, ich würde es pusten oder schweben nennen. Ich muss mal eben schweben. Oh, wie schön.

Ich muss mal kurz das Fenster aufmachen. Die Amsel dort hinten sitzt immer dort, glotzt starr in meine Richtung und stößt seltsame Kreischlaute aus. Ich glaube, sie möchte meine Eier begatten. Das erinnert mich an eine Frau, die mal bei mir zu Besuch war. Wir hatten uns im Supermarkt kennengelernt: “Hey, bist Du nicht Laura? Nein, Kim. Hallo Kim, du siehst aus wie eine Laura. Dann nenne mich doch Laura. Was ist mit Kaura? Ok. Lust auf Wassermelone, Kaura?” Am darauffolgenden Wochenende besuchte Kaura mich in meiner 1-Zimmerwohnung, vielleicht gilt sie auch faktisch wegen des Ankleidezimmers als 2-Zimmerwohnung. Wir saßen am Fenster, uns lief der Saft von Wassermelone am Kinn hinunter und Kaura spuckte die Kerne in ihre klebrige Hand. Jetzt wird mir doch etwas kalt und der Spatz bringt mich um den Verstand.

So, Jury war also homosexuell, was völlig unerheblich für die Geschichte ist. Denn das traumatische Erlebnis ereignete sich bereits, als Jury etwa sieben Jahre alt war. Aber zunächst zu seiner Kindheit. Jury war in Irland geboren, entweder an der Westküste oder doch in England, und lebte dort bis er umzog.  Er genoss eine normale bis konservative Erziehung, evangelisch, wenn mich nicht alles täuscht. Seine Eltern schlugen ihn nur manchmal und seine sexuelle Identität begann ihn erst mit Anfang Zwölf zu verwirren. Ganz sicher bin ich mir dessen nicht, ich hab ihn ja nie getroffen und es aus seinem Mund gehört. Ich treffe selten einfach so Menschen, die mir aus ihrem Leben erzählen. Und wenn es mal so gewesen wäre, habe ich in dem Moment wohl nicht zugehört. Ich kann nämlich nicht zuhören, daher hat es auch mit Kaura nicht geklappt. Es war viel schöner, wie ihr der Saft am Mund hinuntergelaufen ist, als ihre gesprochenen Worte. Vermutlich hatte sie von Kants Weltbürgertum geschwärmt oder von dem Fahrradreifen, der vor ihrem Fenster im Baum hing, berichtet. Aber mit Gewissheit kann ich es nicht sagen. Unsere triefende Liaison scheiterte also, weil ich nicht wusste, wo sie hingegangen war. Eines Tages war ihre Wohnung leer und die Fenster offen. Ich hätte ihr zuhören sollen, dann wüsste ich jetzt, wo sie wohnt. Möglicherweise hätte ich mit ihr kommen können und wir würden uns jeden Tag auf Madagaskar in unserer Rum-Produktion besaufen. Mal würde sie aus meinem Bauchnabel trinken, mal ich bei ihr. Ich bin mir sicher, dass sie nach Madagaskar gegangen war, das passt irgendwie. Ihr etwas zu sehr alternativ gebundener Dutt, ihre schönen, aber kräftigen Hände, die gut zum Buddeln geeignet gewesen wären, und der leicht gespitzte Mund, als wäre er zum Französisch sprechen gewachsen. Ach, im Grunde war es nur irgendeine Frau aus dem Supermarkt, der ich einen neuen Namen gegeben hatte. Eigentlich konnte ich sie nicht mal richtig ausstehen. Ich sollte nicht melancholisch werden, das steht mir nicht. Wenn eine androgyne Mittzwanzigerin mit Zigarette und Oversize-Shirt auf dem ungemachten Bett sitzt und melancholisch aus dem Fenster schaut, ist das cool, modern, es ist so sexy. Eben dieses Szenario mit mir und man  möchte den Raum von negativen Schwingungen reinigen und mir einen „Du schaffst das“-Flyer zuwerfen. Apropos Zigarette, ich rauche mal eben eine. Ich drehe selbst, aber nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil ich gerne Dinge drehe. Wenn ich das erste Mal in einer fremden Wohnung bin, drehe ich Figuren, Bilder oder im Rollstuhl sitzende Rentner heimlich um. Viele Leute wissen nicht mal, wie rum ihre Sachen standen und sind dann furchtbar verwirrt, weil ihre Erinnerung an die Richtung der Dinge verschwommen ist. Dieser Blick ist unbezahlbar, versucht das mal.

Nun, Jury raucht nicht, aber das ist nicht Teil der Erzählung. Jury mochte es im Meer zu schwimmen, wenn ihm das salzige Wasser die Nase freispülte und er sich die Algen aus der Unterhose ziehen musste. Er hatte mit vier Jahren begonnen zu schwimmen und mit sechs Jahren aufgehört. Denn dann ereignete sich ein traumatisches Erlebnis, das es ihm fortan unmöglich machte, unbefangen im Meer zu schwimmen. Ich hatte bereits von Delfinen erzählt. Ich halte nicht viel von Delfinen. Erst mal vergewaltigen die sich gegenseitig, indem sie ihren Penis in das Luftloch eines anderen stecken und dann eben diese Geschichte mit Jury, von der ich gleich erzählen werde. Also Jury war gerade sieben Jahre alt geworden und wollte den Tag an seinem liebsten Ort verbringen. Warte, mein Blick schweift gerade zur Uhr. Es ist schon ein Uhr. Ich weiß, die Geschichte. Aber morgen muss ich halt  wieder früh raus, ich erzähl es einfach schnell, ok? Also Jury ist im Atlantik, glaub ich, schwimmen gegangen und da gibt es so richtige Killerdelfine. Ich sag ja, ich halte nichts von Delfinen. Auf jeden Fall kam der Delfin zu dem kleinen Jury und täuschte vor, mit ihm spielen zu wollen. Und weil Delfine ja immer romantisiert werden, ist Jury zu ihm geschwommen. Der Delfin nahm ihn auf die Schnauze und drückte ihn auf das Meer hinaus. Als sie außer Sichtweite waren, begann der Delfin Jury unter Wasser zu drücken.  Glücklicherweise hatte Jury eine Schwimmbrille auf, sodass er es irgendwie schaffte den Delfin von sich zu drücken und irgendwann gerettet wurde.

Uahh, so oder so ähnlich hat sich die Geschichte zugetragen. Mit Gewissheit kann ich das nicht sagen, da es eine erzählte Erzählung ist, die ich von einem Iren auf meiner Reise in Australien erzählt bekommen habe.  Er sprach sehr schlechtes Englisch und eigentlich habe ich ihm auch gar nicht zugehört.

Verpasst

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Meine Generation hat so viel Angst zu verpassen, den Augenblick zu verleben, an Orten zu verkleben. Dinge scheinen nur existent, wenn sie dokumentiert und geteilt werden. Reaktion wird zum Indikator für Schönheit. Denn ist sie still, so ist sie nicht relevant und versinkt in all den lauten Schönheiten.

Ich hatte mal einen sehr farbenreichen, verworrenen Traum. Dort war ich an einem Ort, der so aussah wie ich mir Australien vorstellen würde, wenn ich eine Vorstellung von Australien hätte. Während eines Sonnenuntergangs stand ich am Strand und betrachtete die Skyline einer sich am Horizont abzeichnenden, australischen Stadt. Die Farben des Sonnenuntergangs waren nicht wie gewohnt in warme Rottöne gefasst, sondern die Mitte des Himmels war durch eine vertikale, fließende Linie geteilt. Eine Seite zeigte die düstere Nacht und auf der anderen Seite war sonniger Tag. Ich betrachtete diesen wundersamen Moment nicht, wie man solche betrachten sollte, nicht voller Hingabe den Augenblick aufsaugend. Denn ich schaute durch einen Bildschirm auf die Wirklichkeit und eine Spiegelung der Wirklichkeit ist nicht wirklich. Wie wild fotografierte ich das Szenario und sprang wie ein Zirkusäffchen am Strand entlang, um den perfekten Augenblick einzufangen. Als die Dunkelheit ihren Mantel über die Welt gelegt hatte, wollte ich voller Freude meine zahlreichen Bilder betrachten.

Aber dann musste ich siedend heiß feststellen, dass sich keine einzige Aufnahme von dem Sonnenuntergang im Speicher befand, lediglich Selfies, von mir, den Sonnenuntergang fotografierend.

Valentins Tag

Loving

Jedes Jahr am 14. Februar war Valentin den ganzen Tag so wütend, dass sein Kopf ganz schmal und bleich vor Wut wurde.  Von seinen Eltern hatte er stets ungeteilte Aufmerksamkeit erfahren, sodass seine drei Geschwister aufgrund eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms im Kinderheim arbeiten mussten, wo ältere, einsame Herrschaften Kindern ein bisschen Zuneigung schenken konnten. Valentin war es also nicht gewohnt, nicht der Mittelpunkt aller Interessen zu sein. Seiner Wichtigkeit wegen wurde der Valentinstag und sein Geburtstag unter gleichen Bedingungen zelebriert und er lebte in dem Glauben, dass er als Mensch höchster Priorität zwei Geburtstage hatte. Als seine Eltern jedoch bei einem Unfall auf der A3, bei dem jemand Pietätloses schwere Pferde von der Autobahnbrücke gestoßen hatte, grausam von Pferdehaaren erdrosselt wurden, hatten Valentins doppelte Geburtstage ein Ende und Valentin entwickelte sich zu einem Erwachsenen schwerer Kindheit. Seine Eltern mussten ablebensbedingt aufgeben, den Valentinstag als Valentins Tag zu feiern und von nun an unter Gras wohnen. An besonders schlechten Tagen machte es Valentin Mut, dass nicht nur er die Arschkarte gezogen hatte.

Jedes Jahr am 14. Februar interessierte sich niemand, wirklich niemand für Valentin. All die Kathrins, Heidis und Birten hatten nur Augen für Thorstens, Christians und Bernds. Sie schenkten sich gegenseitig rot angemalte Rosen, Schachteln voll Pralinen und verbrachten bei einem romantischen Spanferkelessen gemeinsam den Abend. Selbst der Versuch von sich in der dritten Person zu sprechen, brachte ihm keine Gratulationen ein. Die ersten Jahre nach dem Ableben seiner Eltern ließ ihn das Aufmerksamkeitsdefizit noch regelmäßig in Tränen ausbrechen, doch schon bald war er so abgeklärt, dass er am 14. Februar keine Emotionen mehr außer grenzenloser Wut zeigen konnte. Er spuckte an jenem Tage Pärchen, dessen Weg er kreuzte, abschätzig vor die Füße und beleidigte ihre nicht sehr glücklich gewachsenen Körperteile. Valentin liebte die Schwachstellen anderer Menschen, da sie seine Perfektion mit einem dicken Edding unterstrichen. Er hatte zwar bemerkt, dass er zu einem garstigen, jungen Mann geworden war, aber es gab in Valentins Welt keinen Platz für Nicht-Valentins, die am Valentinstag den Valentin nicht feierten. Sie feierten ohne Rücksicht ihren Egozentrismus und waren auch noch froh dabei. Man müsse sich mal vorstellen, dachte Valentin, dass für jeden an jemandes Geburtstag Geburtstagstorten gebacken werden würden, nur für das Geburtstagskind nicht. Das sei ein Skandal für all die verwöhnten Bälger, aber er, der gepeinigte Valentin, könne das nicht überstehen. So beschloss er am 14. Februar irgendeines Jahres seinem Schicksal ein Ende zu setzen und ritt auf einem Esel im Galopp als Geisterreiter auf der A3 entlang bis sie von einem Lastkraftwagen, der rote Rosen transportierte, erfasst wurden und einen tragischen Tod erlitten.

An den darauffolgenden Valentinstagen schmückte Valentins Gesicht die Titelseite aller Tageszeitungen. „Der Valentin, der am Valentinstag Suizid begangen hatte“ ging in die Geschichte ein und der Valentinstag wurde doch noch zu Valentins Tag.

Keine Entscheidung

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In einer Bäckerei am Ende der Welt war er fest entschlossen, einen Pflaumenkuchen zu bestellen. Die kompetente Kuchenfachverkäuferin jedoch ließ ihn auch mit dem köstlichen Käsekuchen liebäugeln, sodass er sich seiner Entscheidung nicht mehr ganz sicher war. Der Käse war ihm schon immer lieb gewesen und noch dazu der Liebling aller Holländer. So entschied er sich, einen Käsekuchen zu bestellen.

Das kompetente Lächeln wich einem spöttischen Weinen darüber, dass ihre Verkaufsstrategie nur bis zum erstbesten Käsekuchen reichte. Um sie zu beruhigen drückte er augenblicklich auf ihre Nase, was sie augenblicklich zum Schweigen brachte. Er ließ sich aus Solidarität auf ein weiteres Verkaufsgespräch ein, sodass die Kuchenfachverkäuferin in einem Anflug explodierender Kompetenz ihre Fassung zurück erlangte. In ihrem Gesicht befand sich jeder Hautfetzen an seiner zugewiesenen Stelle. Sie rückte gewissenhaft ihr Muffinnamensschild zurecht und erfragte generelle Einwände gegen etwas Süßes. Erst am Morgen hatte sie einen ganz schön deftigen Wurstkuchen zubereitet, der neben all dem Süßkram nicht an Deftigkeit verlieren sollte.

Er war jedoch etwas klebrig im Kopf und hatte keine Einwände gegen etwas Süßes, weshalb er sich für den Wurstkuchen entschied. Ihm wurde ganz schwindelig von ihrer Kompetenz, denn zuweilen hatten ihre Mundwinkel angefangen zu tanzen und sicher wusste sie nicht mehr, ob sie tanzen oder stampfen sollte. Sie hatte kein Interesse an den perfiden Spielchen des ambivalenten Kundens und drängte auf eine finalen Antwort. Weil er nun schnell handeln musste, traf er eine wirklich dumme Entscheidung und bestellte einen Mohnkuchen mit der Möglichkeit, ihn morgen umtauschen zu können, falls er nicht das Richtige sei. Die kompetente Kuchenfachverkäuferin stellte missmutig eine Rechnung aus und winkte ihn wieder erwartend nach.