Ich hasse Hass

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Am 13. März 2016 stieß ich ein dumpfes Stöhnen aus, als habe mir jemand pietätlos in die Seite geschlagen. Eine politische Partei, welche Abtreibung, das EEG und Emanzipation nicht gutheißt und noch dazu eine Plattform für Hass, Neid und Angst bietet, hat bei den Landtagswahlen in allen drei Bundesländern zweistellige Wahlergebnisse erzielt. Es war ein Schock, kein unvorhersehbarer Schock, aber doch ein kleiner Stich in mein aufgeklärtes Herz, dachte ich. Dabei hatte ich gar nicht bemerkt, wie sich mein Herz bereits Stück für Stück mit etwas Hass gefüllt hatte. In den Tagen nach den Wahlen schaute ich schon fast verbissen eine politische Talkshow nach der anderen, um meinen Hass zu schüren, gegenüber einer antidemokratischen Partei und ihren Anhängern. Man könnte sagen, es sei gerechtfertigt, eben diese zu denunzieren, weil sie unsere Demokratie und Werte, die teilweise über Jahrzehnte hart erkämpft wurden, in Frage stellen, wenn nicht sogar vernichten wollen. Und viele fragen sich, warum man den Menschen, die nicht über die geistigen Fähigkeiten verfügen, solch eine Partei als falsch und manipulativ zu entlarven, mit Respekt begegnen sollte. Manche denken auch, dass ein Diskurs mit den Alternativen (fD) nicht möglich sei, da diese ungebildet, dumm, geradezu nicht überlebensfähig seien. Ich habe all das auch so empfunden, mich als Mensch über andere Menschen gestellt.

Da wurde es mir langsam bewusst.

Ich bin keinen Deut besser als all die Halb-Rassisten dort draußen, tatsächlich muss ich unter Bestürzung sagen, dass wir uns ziemlich ähnlich sind. In meinem Umfeld hat niemand Angst vor flüchtenden Menschen oder Mainstream-Medien, keiner meiner Facebook-Freunde hat die AfD-Seite oder die von Petry, von von Storch oder Höcke geliked. Wenn ich mich mit Freunden unterhalte, sind wir so ziemlich einer Meinung, dort fühle ich mich verstanden: „Wir“ hassen die AfD und ihre dümmlichen Anhänger. Es ist ein Gefühl der Stärke, der vielleicht geistigen Überlegenheit, denn um mich herum gibt es solche Leute nicht. Ich entdecke sie nur hinter zwielichtigen Facebook-Kommentaren oder unter #merkelmussweg. Und diese Informationen nehme ich zwar auf, aber durch mein bereits gefestigtes Meinungsbild hefte ich sie unter „Gründe, warum ihr scheiße seid“ ab. Die Anderen, das gängige Feindbild. Sie haben es von uns und wir haben es von ihnen. Wir sind keine Schneeflocken, sondern alle Opfer von unserem Hass. Und die AfD profitiert, von gespaltenen Lagern, von unserer Angst. Die Anderen haben xenophobetische Krämpfe und ich leide unter historischen Déjà-Vus voll bräunlichen Nebels. Ich fühle mich in meiner Angst bestätigt und die Anderen auch, ja weil man sie nicht ausreden lässt, während wir noch am Ausreden sind. Ihr seht vielleicht, dass das ein Teufelskreis ist.

Wir sind nicht das Volk, wir sind alle Menschen, die sich aus verschiedensten Gründen in ihrem Hass verheddert haben und der AfD damit abwechselnd ins Fäustchen lachen. Blind vor Hass vergessen sie, das sporadische Parteiprogramm zu lesen und ich vergesse, den „besorgten Bürger“ zu fragen, was denn jetzt genau seine Sorgen sind, weil er braune Kleidung trägt. Wir müssen aufhören in Gruppen zu denken, zu stigmatisieren. Ich bin keine linke Zecke, weil ich Flüchtlinge willkommen heiße, ihnen helfen möchte und AfD-Wähler sind nicht gleich Nazis.

In den Interviews von AfD-Demonstrationen sehe ich vor allem eines: verzweifelte Menschen. Eine Frau mit bunter Mütze erzählt von ihrer Tochter, die man in der Schule moppte und niemand etwas getan habe. Die Presse habe massiv gegen Langzeitarbeitslose gehetzt, klagt ein älterer Herr, er habe ein gewaltiges Problem damit, wenn man Leute wie ihn in die Altersarmut treibe, aber die Flüchtlinge hier in das Land holen würde. Dass viele der Menschen einfach nicht informiert sind und einen Sündenbock für ihr Elend suchen, ist ein altbekanntes Problem. Doch, was bringt es, sich nun über diese Menschen auszulassen, ihre Dummheit zu diffamieren? Sie sind verzweifelt auf der Suche nach einem Zuhörer, einem Unterstützer, jemandem, der ihnen sagt, dass alles gut wird. Für sie ist die AfD das Seelsorgetelefon für die alltäglichen Probleme. Ich schätze, dass die meisten nicht mal einem Flüchtling begegnet sind, sondern es dem farbigen Mann mit dem IPhone in der Bahn nur unterstellt haben.

Zu verharmlosen gibt es nichts, aber wenn man wirklich die Nazi-Analogie heranziehen möchte, soll gesagt sein, dass die wenigsten NSDAP-Wähler sich einen Holocaust oder den totalen Krieg gewünscht haben. Der Großteil war aufgrund der Weltwirtschaftskrise oder den Defiziten der Weimarer Republik einfach unzufrieden und die NSDAP hat Antworten geliefert und ihnen eine rosige Zukunft gemalt. Was letztlich aus den Versprechungen geworden ist, ist ein Schandfleck in der deutschen Geschichte und es muss alles getan werden, dass so etwas nie wieder passiert. Ich sehe den Weg allerdings nicht in der Bekämpfung von Hass durch Hass, sondern im gesellschaftlichen Dialog.

Menschen sind keine programmierten Maschinen, keine leeren Hüllen mit Fleisch, Fasern und Knochen gefüllt und sie sind keine andächtigen Schneeflocken. Emotionen eröffnen uns ein Repertoire an unendlichen Farben, in denen wir die Welt betrachten können. So gehören schwarz und weiß genauso in unsere Wahrnehmung wie rosarot und froschgrün.