Geteilte Meinungen

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Es gibt einen neuen Trend in der Meinungsäußerung. Man kann alles behaupten, ob fundiert oder nicht, und muss sich nun nicht mehr auf eine lästige Debatte einlassen, sondern kann „seine Meinung“ einfach so stehen lassen. Denn es herrscht Meinungsfreiheit und wie das Wort schon sagt, ist jede Meinung frei und kann wie ein Vögelchen vor jeglicher Rechtfertigung davonfliegen. Auf Fakten basierende Diskussionen sind längst aus der Mode und es wird nur so mit Meinungen um sich geschmissen. Auf der einen Seite wird behauptet, Weizen sei schlecht für die Haut und auf anderer, flüchtende Menschen seien Schmarotzer. Beides kann sicher durch persönliche Erfahrung belegt und somit als freie Meinungsäußerung bewertet werden, aber es gibt doch einen klitzekleinen Unterschied. Der Artikel 5 des Grundgesetzes sagt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“ An dieser Stelle fühlt sich jeder Meinende bestätigt und in seinem Recht, doch einige vergessen dann einfach weiterzulesen und ich wage zu behaupten, dass ihnen das nicht zum ersten Mal passierte. Denn weiter heißt es, dass „diese Rechte ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre finden.“ Man könnte nun recherchieren, was es mit dem Recht der persönlichen Ehre auf sich hat, aber da sind die nicht weiterlesenden Meinenden schon vor einem Flüchtlingsbus und brüllen ihre Parolen in das Gesicht traumatisierter Kinder. Die sogenannte Schmähkritik ist nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt und bezeichnet eine Kritikform, „bei der nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht.“ Man sollte also nicht auch noch das Grundgesetze zu seinem Vorteil auslegen und glauben, sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit alles erlauben zu dürfen. Und denjenigen, die die Meinung nicht weiterlesenden Meinenden fraglos übernehmen, da sie gerne was zum Meinen hätten, soll gesagt sein, dass eine falsche, aber geteilte Meinung niemals richtiger, sondern immer falscher wird. Wenn eine Meinung mit Fakten widerlegt wird, dann ist es eine Meinung, die verworfen werden kann, weil sie falsch ist. Denn Widerlegung ist kein Zuspruch, sondern das Aufdecken von Unwahrheiten.

Von manchen Themen gibt es in dem aufgeklärten, demokratischen Deutschland keine zwei Meinungen. So würde niemand Sklaverei in der klassischen Definition befürworten und es öffentlich kundgeben, da es rechtlich und moralisch nicht mehr vertretbar ist. Doch das ist auch ein ausgelutschter Drops und ganz anders sieht es da bei aktuellen Themen aus. Vor Kurzem debattierte ich mit einer Astrid über die Rolle der Frau in einer Beziehung zu einem Mann und in der Gesellschaft. Das ist durchaus interessant, doch als Astrid sagte, dass Emanzipation etwas sei, das nicht jeder Frau gefiele, musste ich die Diskussion beenden. Denn Emanzipation, also die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung einer Frau oder auch eines Mannes, ist kein Thema von der man eine geteilte Meinung haben kann. Die Umsetzung und unter welchen Bedingungen das ganze letztlich stattfindet ist diskutabel, aber ob es Emanzipation geben soll oder nicht, steht außer Frage. Astrids „Meinung“ ist zwar nicht rechtlich, dafür aber im höchsten Maß moralisch verwerflich.

Freie Meinungsäußerung findet also nicht ohne rechtliche und moralische Einschränkungen statt, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Das ist ein Appell an alle Meinenden auf der Straße, im Wohnzimmer und in sozialen Netzwerken. Es ist schlimm genug, dass ihr mit euren als Meinungsäußerung deklarierten Unwahrheiten und Ängsten wütend auf dem Sofa sitzt, aber noch schlimmer ist es, wenn ihr sie öffentlich macht. Dann kann jeder sehen, dass ihr nie weitergelesen habt.