Wie wird der Krieg morgen?

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„Sag mal, weißt Du, wie der Krieg morgen wird? Ich wollte heute eventuell deine Wäsche waschen“, fragte Helen, während sie einen riesigen Wäschekorb hochhob. Ihr Oberkörper bog sich beachtlich nach hinten und der Wäschekorb drückte sich auf ihre Hüftknochen. Michael blickte nach ewigen Minuten auf und schaute ins Leere: „Hm?“. Helen holte tief Luft und versuchte es erneut: „Sag mal, weißt Du, wie der Krieg morgen wird? Ich wollte heute eventuell deine Wäsche waschen.“ Sie stellte den Wäschekorb einmal ab, massierte kurz ihre Hüftknochen und hob ihn dann schwungvoll wieder auf ihr Gerüst. Michael antwortete schnell: „Ne ne, lass das mal. Im Fernsehen haben sie gesagt, morgen soll es besonders blutig werden. Dann musst du ja übermorgen wieder alles waschen.“ Er stand auf, drehte das Licht der Stehlampe mehr in seine Richtung und setzte sich wieder an den Schreibtisch, um eine bunte Stadtkarte sorgfältig zusammenzufalten. Dem Schreibtisch fehlte ein Bein, stattdessen wurde die Tischplatte von einer Beinprothese gehalten. Michael hatte sie bei einer Beinprothesenauktion für einen mittelteuren Preis erworben. Eigentlich lagen genug kostenlos auf der Straße herum, doch die waren meist nicht einwandfrei und unhygienisch. Außerdem gab Michael gern Geld aus, wenn es möglich war.

Helen stellte den Wäschekorb vor ihr Bett, um sich daran zu erinnern, die Wäsche zu waschen, wenn sie beim Aufstehen darüber stolpern würde. „Dann gehe ich jetzt einkaufen“, rief sie Michael zu und nahm einen Stoffbeutel sowie eine Waffe von dem Haken neben der Tür. Michael rief: „Ist gut, dann mache ich mich jetzt zur Arbeit“, zurück. Auf dem Weg nach unten, musste Helen über ein paar Nachbarn steigen, denn offenbar hatte man sich im Flur zu einem Mittagessen zusammengefunden. Es roch nach frisch gekochten Sojabohnen. Helen schnupperte hungrig in die Luft und legte einen Schritt zu. Ihre 1-Zimmerwohnung lag genau über einem Restaurant, das sie hin und wieder besuchten. Um von der Haustreppe zur Haustür zu gelangen, musste man normalerweise im Zickzack-Schritt durch die im Restaurant essenden Menschen gehen. Oft genug kam Michael mit gekochten Sojabohnen im Schuh oben an, die er dann in einem Sieb wusch und in einer Schüssel auf der Fensterbank sammelte. Heute war jedoch kein einziger Gast im Restaurant und der Inhaber lief fluchend vor dem Fenster hin und her, offenbar bemüht, das Telefon in sein Ohr einzuführen. Helen klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter: „Schon wieder ein Kochtopf geklaut?“. Sie schlenderte weiter. Auf der Straße war buntes Treiben und Helen hatte Gefallen daran, die spielenden Kinder zu beobachten. Sie hätte gern die Namen gekannt, um ihnen viel Spaß zu wünschen. Aber das wäre ganz und gar sinnlos, denn sie wechselten täglich ihr Gesicht. Die Zeit war zu kurzlebig für Namen. Helen blickte in die Weiten der Stadt. Gegenüber von ihrer Wohnung hatte einst eine andere Häuserreihe gestanden, aber diese war vor einigen Wochen durch die Druckwelle einer Bombe eingestürzt. Nun konnten Michael und Helen von ihrem Fenster aus sehen, wenn etwas Neues in der Stadt geschah.

Der Weg zum Marktstand war lang, da dieser jeden Tag an einem anderen Standort war und man ihn suchen musste. Das war notwendig, weil die Plünderungen in der Stadt zugenommen hatten und jeder Laden mit festem Standort Bankrott gegangen oder kurz davor war. Helen liebte es, in der Stadt spazieren zu gehen, daher machte es ihr nichts aus. Besonders gut gefielen ihr die neuen Formen der eingestürzten Gebäude, in denen sie Figuren und Gesichter zu erkennen glaubte. Da sie keine Kamera besaß, versuchte sie sich alles einzuprägen, um irgendwann mal jemandem davon erzählen zu können. Die Frage einer Frau riss Helen aus ihrem entzückten Blick: „Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein Taschentuch für mich?“ Ihr lief etwas Blut am Bein herunter. Helen holte die Waffe aus dem Beutel und gab ihr das Stück Stoff. „Vielen Dank“, sagte die Frau freundlich und ging weiter. Helen war froh, dass sie heute erfreulich wenig angefasst wurde. Die sich im Stoffbeutel abzeichnende Waffe zeigte Wirkung. „Eine gute Investition!“, dachte Helen bei sich. So konnte sie sich vor lästigen Vergewaltigungen schützen, die ihr sonst immer wertvolle Zeit geraubt hatten. So ging sie also leichten Schrittes durch enge Gassen und gedrängte Menschenmengen. Sie war mittlerweile schon so lang gegangen, dass sie den Grund ihres Ausfluges fast vergessen hätte, als sie endlich Frauen und Kinder mit gefüllten Stoffbeuteln erblickte. Der Marktstand befand sich am Ende einer Sackgasse, die an amerikanische Gangsterfilme erinnerte. Nur dass sich am Ende kein Müllcontainer, sondern ein Verkäufer, der die Zurufe seiner Kundschaft zu erfüllen versuchte, befand. Einige Kinder und junge Erwachsene lehnten an der Hauswand und aßen freudig aus ihren Beuteln. Sie hielten große saftige Äpfel in ihren Händen und das gierig-frohe Leuchten ihrer Augen, wenn sie ihn vor dem Biss stolz in den Händen drehten, ließ Helens Herz aufleuchten. Sie stellte sich in die Reihe hinter einen kleinen Jungen, der ungeduldig auf der Stelle trat. Er schaute besorgt zu Helen hinauf und fragte: „Werde ich auch einen Apfel bekommen?“ Sie wollte gerade antworten, dass wenn es irgendeine Gerechtigkeit in dieser Stadt gäbe, er ganz bestimmt einen Apfel bekommen würde, als ein regelmäßiges Trappeln lauter wurde. Die Köpfe streckten sich abwechselnd, um einen Blick erhaschen zu können. Die Getarnten marschierten mit wichtigem Blick und gekräuselter Stirn dicht gefolgt von einer Marschkapelle an der Gasse vorbei. Es ertönte feierliche Musik und die Arme der Menschen wurden wie automatisiert in die Höhe geworfen. Die Kinder schrien vor Freude und liefen den Getarnten hinterher, um sie mit Glück einmal berühren zu dürfen. Helen schwelgte, die Musik gab Hoffnung, die stählernen Arme symbolisierten Kraft. Neben ihr fielen reihenweise Frauen vor Bewunderung in Ohnmacht. Sie empfand tiefe Liebe für dieses Szenario, das den Menschen so viel gab. Ein Getarnter bog in die Gasse ein, umarmte einige Kinder und verbeugte sich vor dem Verkäufer des Marktstandes. Er ließ sich seinen riesigen Stoffbeutel mit Äpfeln füllen, verbeugte sich erneut und reihte sich wieder in die Kolonne ein. „Einmal winken!“, rief jemand an der Front und alle Getarnten drehten sich zur Menschenmenge, lachten herzlich und winkten zur Melodie.

Als die Musik in der Ferne verstummt war, begaben sich die Menschen schniefend wieder an ihren Platz. Helen blieb glückselig zurück und schaute sich nach dem kleinen Jungen um. Sie schaute in jeder Ecke, hinter den Menschen und unter Röcken, doch sie konnte ihn nirgends finden. Schließlich entdeckte sie den Jungen inmitten einer Traube von Kindern, er lag unbeweglich auf dem Boden, sein Mund war blass und ein wenig geöffnet. Die Kinder liefen um ihn herum und drückten mit ihren kleinen Fingern in seine schlaffe Backe. Helen schluckte und betrachtete das schöne Kind einen Moment lang. Es war als hätte die Zeit einen kleinen Sprung nach hinten gemacht. Dann klatschte sie einmal in ihre Hände, um Zuständige zu informieren. Es war nicht davon auszugehen, dass er einen Apfel bekommen hatte, geschweige denn, dass er jemals einen bekommen hatte. Helen ärgerte sich, dass sie mal wieder von Emotionen übermannt worden war und eine Gefühlsregung für dieses kleine Wesen verspürt hatte. „Mit Sentimentalitäten gewinnt man keinen Krieg“, hallten Michaels Worte durch Helens Kopf, doch sie vergaß das in den unpassendsten Momenten. Ein wenig missmutig ihrer Unzulänglichkeiten wegen und ohne Äpfel trat sie den Heimweg an. Nun war jedoch keine Zeit mehr für Schlendereien, da es heftig zu bomben begann und die Menschen bemüht waren, nicht in einen Hagel zu geraten. Helen lief dicht an den Häuserreihen vorbei und der kleine Beutel voll Sojabohnen raschelte dabei aufgeregt hin und her. Sie kam gerade rechtzeitig in der Wohnung an, denn draußen herrschte bereits ein Chaos. Menschen liefen durcheinander, der Blick wurde durch weißen Staub in der Luft getrübt und es stank fürchterlich. Die Wohnungstür stand offen und Helen lugte erst einmal durch den Türspalt, um sich zu versichern, dass niemand Fremdes sich Zutritt verschafft hatte. Michael trat hinter sie und lugte ebenfalls hinein. Als alle überzeugt schienen, ging man rein. Es schien alles wie zuvor, außer dass sich ein kreisrundes Loch in der Wand befand. Der weiße Staub und der Lärm von der Straße drangen ein und hinten begann jemand zu husten. Michael drehte sich erfreut um und verkündete feierlich: „Sehen Sie, der Krieg ist unberechenbar und steckt voller Überraschungen. Niemand weiß, was morgen passieren wird. Seize the day! Carpe diem! Sie sagen es, wir leben es.“ Durch die Reisegruppe drang ein Raunen, erstaunte Gesichter nickten sich gegenseitig zu, einer klatschte begeistert: „Weiter, weiter, mehr, mehr!“ Michael schaute zufrieden in die Runde und sagte: „Damit haben Sie heute alles gesehen, was zum Alltag des Krieges gehört. Zum Abschluss werden wir mit den heute erworbenen Sojabohnen ein typisches Abendessen für Sie arrangieren. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen und Sie buchen das nächste Mal wieder bei „War Tours“. Michael verbeugte sich und erntete Applaus.

Helen lächelte müde und setzte sich auf die Fensterbank, um die Sojabohnen zu waschen. Dabei vermischte sich langsam das hecktische Treiben auf der Straße mit ihren Tagträumen von spielenden Kindern, womit sie sicher einschlief.

Krieg für immer

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Wir lernen
Dinge zu wiederholen
die man uns gelehrt hat
zu lernen
dabei erscheint es
immer wieder neu
wie wir wiederholen
zu lernen
dass die Welt so
und nicht anders
funktioniert
und sich dreht
immer in die gleiche Richtung
dreht
egal, was wir tun, was wir sagen

Es war und ist und wird
keine Überraschung sein
dass die Welt eines ist
und nicht deine und meine
Suppe
die jeder für sich
auslöffeln muss

Grenzen erwecken den Eindruck
von Sicherheit
vor einer fremden Gefahr
die gebannt werden muss
um die eigene Welt zu schützen
eine Idee von vor unserer Zeit
vor Fortschritt und Innovation
einer Welt voller Hirngespinste
so scheint es
wie von gestern zu wirken
doch sie sind zeitgemäß

Wir sind verbunden
zu kriegen, zu hassen
einem Hirngespinst zuliebe
Hass zu säen und zu ernten
schon immer, für immer
solange deine Welt
nicht die meine ist

Hipster, Terrorist

Mein Projekt

Nichts ahnend, aber wohl wissend war Konstantin heute Morgen mit seinem Rad dritter Klasse zum Berliner Alexanderplatz gefahren, hatte sich für 3,60 Euro einen veganen Bagel gekauft und um 11.23 Uhr einundfünfzig Menschen, darunter zwei Babys, mit in den Tod gerissen.

Nun war er im Himmel oder in der Hölle, das ist Auslegungssache. Wenn man es genau nimmt, und Konstantin hatte gern Sachen genau genommen, war er, wie ihn seine Freunde gekannt haben, fort. Seine sterblichen Überreste klebten nun samt des Bagels, der jetzt keinesfall mehr vegan war, auf dem Asphalt. Da gab es keinen Helden, keinen Versager, keinen Menschen. Konstantin hatte sich entschieden, kein Mensch mehr sein zu wollen. Die Gründe dafür suchte man in seiner Kindheit. Man berichtete, dass er mit 7 Jahren mal eine Katze lasziv angesehen habe. Freunde, Bekannte und weniger Bekannte erinnerten an Konstantins mürrischen Blick, wenn ihm jemand neckisch ins Gesicht geschlagen hatte. Er war immer erfolgreich gewesen. Dabei hatte sich sein Erfolg an der Wertigkeit gemessen. Seine Drehbücher, er hatte Drehbücher geschrieben, wurden niemals verfilmt, aber sie sind gut gewesen, geradezu genial. Konstantin hatte gemeint, dass Menschen dem allgemeinen Irrtum unterlägen, Erfolg müsse sichtbar sein. Die bloße Existenz von Genialität sei kein Erfolg, wenn man es nicht mit Zahlen, Ziffern und Nummern, schließlich Knete bemessen könne. Warum, hatte er sich weiter gefragt, sollte man solch eine Intimität teilen wollen. Konstantin hatte seine Genialität nicht teilen wollen, er hatte nie etwas teilen wollen. Und wenn jemand etwas mit ihm hatte teilen wollen, hatte er stets dankend abgelehnt, um nicht die Intimität anderer zu betreten. Es wäre ihm falsch vorgekommen.

All das blieb der trauernden Öffentlichkeit verborgen. Denn als Konstantins Körper zerfetzt wurde, dieser Moment, änderte alles. Nicht nur, dass ein Organismus von Viren befallen wurde und ein Teil zerstört, auch, dass Konstantin fortan kein Mensch mehr war. Das meint man nicht, weil er nicht mehr lebte, sondern weil er sein Menschsein verspielt hatte. Er war nun Terrorist.

Noch einige Sekunden bevor er seine Bombensohlen durch absichtliches Stolpern entzündet hatte, war einer nun jenseitigen Frau Konstantins fein zu recht gestutzter Bart positiv aufgefallen und sie hatte gerade lächeln wollen. Konstantin hätte zurück gelächelt, wenn er noch unter den Lebenden weilen würde. Er hatte Frauen gemocht, vor allem Frauen, die ihm zulächelten. Das hatte er immer nett gefunden und Nettigkeiten sind es wert, das man nett mit ihnen umgeht, hätte Konstantin gedacht. Wenn er noch Mensch und nicht Terrorist gewesen wäre.