Verpasst

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Meine Generation hat so viel Angst zu verpassen, den Augenblick zu verleben, an Orten zu verkleben. Dinge scheinen nur existent, wenn sie dokumentiert und geteilt werden. Reaktion wird zum Indikator für Schönheit. Denn ist sie still, so ist sie nicht relevant und versinkt in all den lauten Schönheiten.

Ich hatte mal einen sehr farbenreichen, verworrenen Traum. Dort war ich an einem Ort, der so aussah wie ich mir Australien vorstellen würde, wenn ich eine Vorstellung von Australien hätte. Während eines Sonnenuntergangs stand ich am Strand und betrachtete die Skyline einer sich am Horizont abzeichnenden, australischen Stadt. Die Farben des Sonnenuntergangs waren nicht wie gewohnt in warme Rottöne gefasst, sondern die Mitte des Himmels war durch eine vertikale, fließende Linie geteilt. Eine Seite zeigte die düstere Nacht und auf der anderen Seite war sonniger Tag. Ich betrachtete diesen wundersamen Moment nicht, wie man solche betrachten sollte, nicht voller Hingabe den Augenblick aufsaugend. Denn ich schaute durch einen Bildschirm auf die Wirklichkeit und eine Spiegelung der Wirklichkeit ist nicht wirklich. Wie wild fotografierte ich das Szenario und sprang wie ein Zirkusäffchen am Strand entlang, um den perfekten Augenblick einzufangen. Als die Dunkelheit ihren Mantel über die Welt gelegt hatte, wollte ich voller Freude meine zahlreichen Bilder betrachten.

Aber dann musste ich siedend heiß feststellen, dass sich keine einzige Aufnahme von dem Sonnenuntergang im Speicher befand, lediglich Selfies, von mir, den Sonnenuntergang fotografierend.

Keine Entscheidung

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In einer Bäckerei am Ende der Welt war er fest entschlossen, einen Pflaumenkuchen zu bestellen. Die kompetente Kuchenfachverkäuferin jedoch ließ ihn auch mit dem köstlichen Käsekuchen liebäugeln, sodass er sich seiner Entscheidung nicht mehr ganz sicher war. Der Käse war ihm schon immer lieb gewesen und noch dazu der Liebling aller Holländer. So entschied er sich, einen Käsekuchen zu bestellen.

Das kompetente Lächeln wich einem spöttischen Weinen darüber, dass ihre Verkaufsstrategie nur bis zum erstbesten Käsekuchen reichte. Um sie zu beruhigen drückte er augenblicklich auf ihre Nase, was sie augenblicklich zum Schweigen brachte. Er ließ sich aus Solidarität auf ein weiteres Verkaufsgespräch ein, sodass die Kuchenfachverkäuferin in einem Anflug explodierender Kompetenz ihre Fassung zurück erlangte. In ihrem Gesicht befand sich jeder Hautfetzen an seiner zugewiesenen Stelle. Sie rückte gewissenhaft ihr Muffinnamensschild zurecht und erfragte generelle Einwände gegen etwas Süßes. Erst am Morgen hatte sie einen ganz schön deftigen Wurstkuchen zubereitet, der neben all dem Süßkram nicht an Deftigkeit verlieren sollte.

Er war jedoch etwas klebrig im Kopf und hatte keine Einwände gegen etwas Süßes, weshalb er sich für den Wurstkuchen entschied. Ihm wurde ganz schwindelig von ihrer Kompetenz, denn zuweilen hatten ihre Mundwinkel angefangen zu tanzen und sicher wusste sie nicht mehr, ob sie tanzen oder stampfen sollte. Sie hatte kein Interesse an den perfiden Spielchen des ambivalenten Kundens und drängte auf eine finalen Antwort. Weil er nun schnell handeln musste, traf er eine wirklich dumme Entscheidung und bestellte einen Mohnkuchen mit der Möglichkeit, ihn morgen umtauschen zu können, falls er nicht das Richtige sei. Die kompetente Kuchenfachverkäuferin stellte missmutig eine Rechnung aus und winkte ihn wieder erwartend nach.