Krieg für immer

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Wir lernen
Dinge zu wiederholen
die man uns gelehrt hat
zu lernen
dabei erscheint es
immer wieder neu
wie wir wiederholen
zu lernen
dass die Welt so
und nicht anders
funktioniert
und sich dreht
immer in die gleiche Richtung
dreht
egal, was wir tun, was wir sagen

Es war und ist und wird
keine Überraschung sein
dass die Welt eines ist
und nicht deine und meine
Suppe
die jeder für sich
auslöffeln muss

Grenzen erwecken den Eindruck
von Sicherheit
vor einer fremden Gefahr
die gebannt werden muss
um die eigene Welt zu schützen
eine Idee von vor unserer Zeit
vor Fortschritt und Innovation
einer Welt voller Hirngespinste
so scheint es
wie von gestern zu wirken
doch sie sind zeitgemäß

Wir sind verbunden
zu kriegen, zu hassen
einem Hirngespinst zuliebe
Hass zu säen und zu ernten
schon immer, für immer
solange deine Welt
nicht die meine ist

Xenophobia-Phobie

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Meine Kommilitonin mit den lustig abstehenden Ohren, die manchmal nach verdautem Orangensaft riecht und am liebsten auf Ibiza Urlaub macht, ist mir immer nur semi-sympathisch gewesen. Ihre Ohren zaubern mir an grauen Donnerstagen ein Lächeln auf die Lippen und der Orangengeruch widert mich so sehr an, dass ich fast sauer aufstoßen muss, wenn sie mir spricht. Ich nenne das eine ambivalente … Freundschaft.

An einem Donnerstag betrete ich nichts ahnend den Kursraum und setzte mich neben meine Freundin, nennen wir sie Rosa. Rosa scheint an diesem Tag besonders politisch gestimmt zu sein, was vermutlich ihrem blauen Nagellack zu zuschreiben ist, und fängt alsbald eine einseitige Konversation mit mir an. Sie habe da gestern eine Dokumentation über Flüchtlinge gesehen, die habe ihr wirklich Angst gemacht. Es fallen Sätze wie „Man kann ja gar nicht mehr kontrollieren, ob auch Terroristen unter den Asylbewerbern eingeschleust werden“ und „Ich habe ja schon länger Angst, allein nachts durch die Straßen zu gehen“. Mein Gesicht ist so ausdruckslos, dass man meinen Kopf auch einfach durch einen hautfarbenen Ball ersetzen könnte. Ich denke, mich lässt das kalt. Aber plötzlich ist es da. Tief in meiner Magengrube macht sich ein ungutes Gefühl breit. Zunächst schließe ich auf eine durch verdauten Orangengeruch hervorgerufene Übelkeit und schaue mich nach einem undurchlässigen Abfalleimer um. Mein Mageninhalt bleibt glücklicherweise in der Magengrube, aber stattdessen arbeitet sich das Gefühl in all meine Gliedmaßen vor. Es beginnt zu kribbeln und mein Körper fühlt sich wie ein verdammter Ameisenhaufen an. Ich spreche nicht von dem angenehmen Kribbeln, das mich bei dem Anblick von einem Berg Waffeln durchfährt oder wenn man eben verliebt ist, sondern von dem unaushaltbaren Kribbeln, bei dem nur ein rastloser Ausdruckstanz zu helfen scheint. Mein Gesicht ist souverän, mein Herz auf Extasy. Mittlerweile liebäugle ich mit dem Fenster, der mich offen mit seinen starken Armen lockt. Ob er wohl trainiert? Rosas Gesicht verzerrt sich zu einer teuflischen Orange. Ich halte es nicht mehr aus und möchte mich in embryonaler Haltung vom Stuhl und Richtung Notausgang rollen. Panisch stelle ich fest, dass wir uns im Erdgeschoss befinden und mich ein Sturz aus der Terassentür wohl kaum grausam umbringen wird. Also handle ich in einzig logischer Konsequenz und begieße die Orange mit meinem Granatapfelsaft.

Rosa hat mich seitdem nie wieder angeatmet und ihren Sitzplatz gewechselt. Ich nehme an, dass sie zuvor noch nie Granatapfelsaft getrunken hatte und ihr der Geruch folglich suspekt vorkam.