Michael hat keinen Namen

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Wenn Michael nicht Michael hieße, würde er wahrscheinlich anders heißen. Er könnte sich auch durchaus vorstellen, Maximilian oder Marian zu heißen, aber leider reichte seine Kognition im zarten Alter von 0 nicht aus, um ein Mitspracherecht zu erhalten. Als er also dem wohlig-warmen Uterus seines weiblichen Elternteiles entrissen wurde, hatten zwei riesige Gesichter entschieden, dass Michael nach dem Vetter seines Großvaters mütterlicherseits, der in den Achtzigern mal ein fallendes Baby gefangen hatte, benannt werden sollte. Die Namensgebung hatte sich weder positiv noch negativ auf sein weiteres Leben ausgewirkt. Vermutlich hätte er auch mit anderem Namen eine Vorliebe für Literatur über das fachgerechte Falten eines Papierfliegers und für halb-gefrorenes Mangosorbet entwickelt. Möglicherweise wäre er als Marian aber auch prädestiniert gewesen, in dem kleinen Restaurant unten an der Ecke namens Das ist Marians Restaurant zu arbeiten, wo köstliches Zitronensorbet feilgeboten wurde und alle Bedienungen Marian hießen, und er sich so aufgrund einer emotionalen Bindung zu Zitronen nie den Mangos gewidmet hätte. Weil diese Annahmen reine Spekulationen waren, entschied Michael sich, der Sache auf den Grund zu gehen und ein Rundschreiben an all seine Freunde, Bekannten und Unbekannten zu verfassen. Er teilte mit, dass er von nun an ausnahmslos namenlos leben werde und bei jeder Missachtung eine Gebühr von 1,50 Euro fällig sei. Einige Betroffene kündigten ihm förmlich die Freundschaft und andere schickten eine Bestätigung. Da Michael ein überaus korrekter Mensch war, ließ er seinen Namen auch beim Bürgeramt streichen. Es war also amtlich, Michael hatte keinen Namen.

Die erste Woche lief gut und er konnte sich lästigen Gesprächen alltäglicher Dinge entziehen, in dem er seinen Gesprächspartner einfach stehen ließ, seinen unbestimmten Nachrufen kein Gehör schenkte und dabei stets höflich blieb. Außerdem erhielt er keine Rechnungen mehr, da man seine Post im Mietshaus nicht zuteilen konnte und der Zusteller im Anflug cholerischer Anfälle die namenlose Post jedes Mal in der Luft zerriss. Er ließ es sich auch nicht nehmen, ohne Ticket mit der Bahn zu fahren. Gekauft hatte er aus Routine zwar eines, es dann aber am Bahnsteig einem farbigen Mann in die Hand gedrückt. Mit einem angenehmen Kribbeln im Bauch fuhr er also wahllos durch die Gegend und wartete auf die Fahrkartenkontrolle. Etwa 30,45 Minuten später wurde ihm Fahrkarten fordernd auf die Schulter getippt und er konnte lächelnd entgegnen, dass er keine habe. Routiniert griff der Fahrkartenkontrolleur nach einem Block, auf dem es Personalien aufzunehmen galt. Er zeigte seinen Personalausweis vor, der zwar eine Adresse, eine Körpergröße und eine Augenfarbe aufführte, aber natürlich keinen Namen, womit alle anderen Angaben nichtig waren. Der Fahrkartenkontrolleur wurde sichtlich garstig bei solch einer Machtlosigkeit und warf aus Unzufriedenheit ein paar Arabisch aussehende Fahrgäste aus der Bahn. Er blieb triumphierend zurück und lächelte der etwas dicklichen Frau auf dem Nebenplatz zu, die ganz nüchtern nieste.

Doch er unterließ es schnell, auf solch übertriebene Art zu lächeln, um seine müden Mundwinkel zu schonen und weil er einen unerfreulichen Anruf erhielt. Der Inhaber eines innovativen Unternehmens mit hoher Marge, in dem er tätig war, ließ ihn unterrichten, dass seine bahnbrechende Arbeit der letzten Monate aufgrund des fehlenden Namens nicht veröffentlicht werden könne und man einem aufstrebenden Studenten mit ansprechendem Namen die fremden Lorbeeren zugeteilt habe. Außerdem sei er mit diesem Anruf gekündigt, da man davon absehe, Post an eine namenlose Adresse zu senden. Nach Beenden des Gesprächs wurde ihm heulend bewusst, dass er ganz und gar bedeutungslos war. Er fühlte sich schrecklich dumm und unwissend. Nun ergab Sinn, dass nur Namen es ermöglichen, Bedeutungen zu (zu)ordnen. Und da Name und  Bedeutung in einem reziproken Verhältnis stehen, gibt es ohne einen Namen auch keine Bedeutung. Er schwamm also in einer undefinierten, undurchsichtigen Masse und musste sich eingestehen, dass er weniger bedeutsam war als eine Waffel.