Wie wird der Krieg morgen?

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„Sag mal, weißt Du, wie der Krieg morgen wird? Ich wollte heute eventuell deine Wäsche waschen“, fragte Helen, während sie einen riesigen Wäschekorb hochhob. Ihr Oberkörper bog sich beachtlich nach hinten und der Wäschekorb drückte sich auf ihre Hüftknochen. Michael blickte nach ewigen Minuten auf und schaute ins Leere: „Hm?“. Helen holte tief Luft und versuchte es erneut: „Sag mal, weißt Du, wie der Krieg morgen wird? Ich wollte heute eventuell deine Wäsche waschen.“ Sie stellte den Wäschekorb einmal ab, massierte kurz ihre Hüftknochen und hob ihn dann schwungvoll wieder auf ihr Gerüst. Michael antwortete schnell: „Ne ne, lass das mal. Im Fernsehen haben sie gesagt, morgen soll es besonders blutig werden. Dann musst du ja übermorgen wieder alles waschen.“ Er stand auf, drehte das Licht der Stehlampe mehr in seine Richtung und setzte sich wieder an den Schreibtisch, um eine bunte Stadtkarte sorgfältig zusammenzufalten. Dem Schreibtisch fehlte ein Bein, stattdessen wurde die Tischplatte von einer Beinprothese gehalten. Michael hatte sie bei einer Beinprothesenauktion für einen mittelteuren Preis erworben. Eigentlich lagen genug kostenlos auf der Straße herum, doch die waren meist nicht einwandfrei und unhygienisch. Außerdem gab Michael gern Geld aus, wenn es möglich war.

Helen stellte den Wäschekorb vor ihr Bett, um sich daran zu erinnern, die Wäsche zu waschen, wenn sie beim Aufstehen darüber stolpern würde. „Dann gehe ich jetzt einkaufen“, rief sie Michael zu und nahm einen Stoffbeutel sowie eine Waffe von dem Haken neben der Tür. Michael rief: „Ist gut, dann mache ich mich jetzt zur Arbeit“, zurück. Auf dem Weg nach unten, musste Helen über ein paar Nachbarn steigen, denn offenbar hatte man sich im Flur zu einem Mittagessen zusammengefunden. Es roch nach frisch gekochten Sojabohnen. Helen schnupperte hungrig in die Luft und legte einen Schritt zu. Ihre 1-Zimmerwohnung lag genau über einem Restaurant, das sie hin und wieder besuchten. Um von der Haustreppe zur Haustür zu gelangen, musste man normalerweise im Zickzack-Schritt durch die im Restaurant essenden Menschen gehen. Oft genug kam Michael mit gekochten Sojabohnen im Schuh oben an, die er dann in einem Sieb wusch und in einer Schüssel auf der Fensterbank sammelte. Heute war jedoch kein einziger Gast im Restaurant und der Inhaber lief fluchend vor dem Fenster hin und her, offenbar bemüht, das Telefon in sein Ohr einzuführen. Helen klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter: „Schon wieder ein Kochtopf geklaut?“. Sie schlenderte weiter. Auf der Straße war buntes Treiben und Helen hatte Gefallen daran, die spielenden Kinder zu beobachten. Sie hätte gern die Namen gekannt, um ihnen viel Spaß zu wünschen. Aber das wäre ganz und gar sinnlos, denn sie wechselten täglich ihr Gesicht. Die Zeit war zu kurzlebig für Namen. Helen blickte in die Weiten der Stadt. Gegenüber von ihrer Wohnung hatte einst eine andere Häuserreihe gestanden, aber diese war vor einigen Wochen durch die Druckwelle einer Bombe eingestürzt. Nun konnten Michael und Helen von ihrem Fenster aus sehen, wenn etwas Neues in der Stadt geschah.

Der Weg zum Marktstand war lang, da dieser jeden Tag an einem anderen Standort war und man ihn suchen musste. Das war notwendig, weil die Plünderungen in der Stadt zugenommen hatten und jeder Laden mit festem Standort Bankrott gegangen oder kurz davor war. Helen liebte es, in der Stadt spazieren zu gehen, daher machte es ihr nichts aus. Besonders gut gefielen ihr die neuen Formen der eingestürzten Gebäude, in denen sie Figuren und Gesichter zu erkennen glaubte. Da sie keine Kamera besaß, versuchte sie sich alles einzuprägen, um irgendwann mal jemandem davon erzählen zu können. Die Frage einer Frau riss Helen aus ihrem entzückten Blick: „Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein Taschentuch für mich?“ Ihr lief etwas Blut am Bein herunter. Helen holte die Waffe aus dem Beutel und gab ihr das Stück Stoff. „Vielen Dank“, sagte die Frau freundlich und ging weiter. Helen war froh, dass sie heute erfreulich wenig angefasst wurde. Die sich im Stoffbeutel abzeichnende Waffe zeigte Wirkung. „Eine gute Investition!“, dachte Helen bei sich. So konnte sie sich vor lästigen Vergewaltigungen schützen, die ihr sonst immer wertvolle Zeit geraubt hatten. So ging sie also leichten Schrittes durch enge Gassen und gedrängte Menschenmengen. Sie war mittlerweile schon so lang gegangen, dass sie den Grund ihres Ausfluges fast vergessen hätte, als sie endlich Frauen und Kinder mit gefüllten Stoffbeuteln erblickte. Der Marktstand befand sich am Ende einer Sackgasse, die an amerikanische Gangsterfilme erinnerte. Nur dass sich am Ende kein Müllcontainer, sondern ein Verkäufer, der die Zurufe seiner Kundschaft zu erfüllen versuchte, befand. Einige Kinder und junge Erwachsene lehnten an der Hauswand und aßen freudig aus ihren Beuteln. Sie hielten große saftige Äpfel in ihren Händen und das gierig-frohe Leuchten ihrer Augen, wenn sie ihn vor dem Biss stolz in den Händen drehten, ließ Helens Herz aufleuchten. Sie stellte sich in die Reihe hinter einen kleinen Jungen, der ungeduldig auf der Stelle trat. Er schaute besorgt zu Helen hinauf und fragte: „Werde ich auch einen Apfel bekommen?“ Sie wollte gerade antworten, dass wenn es irgendeine Gerechtigkeit in dieser Stadt gäbe, er ganz bestimmt einen Apfel bekommen würde, als ein regelmäßiges Trappeln lauter wurde. Die Köpfe streckten sich abwechselnd, um einen Blick erhaschen zu können. Die Getarnten marschierten mit wichtigem Blick und gekräuselter Stirn dicht gefolgt von einer Marschkapelle an der Gasse vorbei. Es ertönte feierliche Musik und die Arme der Menschen wurden wie automatisiert in die Höhe geworfen. Die Kinder schrien vor Freude und liefen den Getarnten hinterher, um sie mit Glück einmal berühren zu dürfen. Helen schwelgte, die Musik gab Hoffnung, die stählernen Arme symbolisierten Kraft. Neben ihr fielen reihenweise Frauen vor Bewunderung in Ohnmacht. Sie empfand tiefe Liebe für dieses Szenario, das den Menschen so viel gab. Ein Getarnter bog in die Gasse ein, umarmte einige Kinder und verbeugte sich vor dem Verkäufer des Marktstandes. Er ließ sich seinen riesigen Stoffbeutel mit Äpfeln füllen, verbeugte sich erneut und reihte sich wieder in die Kolonne ein. „Einmal winken!“, rief jemand an der Front und alle Getarnten drehten sich zur Menschenmenge, lachten herzlich und winkten zur Melodie.

Als die Musik in der Ferne verstummt war, begaben sich die Menschen schniefend wieder an ihren Platz. Helen blieb glückselig zurück und schaute sich nach dem kleinen Jungen um. Sie schaute in jeder Ecke, hinter den Menschen und unter Röcken, doch sie konnte ihn nirgends finden. Schließlich entdeckte sie den Jungen inmitten einer Traube von Kindern, er lag unbeweglich auf dem Boden, sein Mund war blass und ein wenig geöffnet. Die Kinder liefen um ihn herum und drückten mit ihren kleinen Fingern in seine schlaffe Backe. Helen schluckte und betrachtete das schöne Kind einen Moment lang. Es war als hätte die Zeit einen kleinen Sprung nach hinten gemacht. Dann klatschte sie einmal in ihre Hände, um Zuständige zu informieren. Es war nicht davon auszugehen, dass er einen Apfel bekommen hatte, geschweige denn, dass er jemals einen bekommen hatte. Helen ärgerte sich, dass sie mal wieder von Emotionen übermannt worden war und eine Gefühlsregung für dieses kleine Wesen verspürt hatte. „Mit Sentimentalitäten gewinnt man keinen Krieg“, hallten Michaels Worte durch Helens Kopf, doch sie vergaß das in den unpassendsten Momenten. Ein wenig missmutig ihrer Unzulänglichkeiten wegen und ohne Äpfel trat sie den Heimweg an. Nun war jedoch keine Zeit mehr für Schlendereien, da es heftig zu bomben begann und die Menschen bemüht waren, nicht in einen Hagel zu geraten. Helen lief dicht an den Häuserreihen vorbei und der kleine Beutel voll Sojabohnen raschelte dabei aufgeregt hin und her. Sie kam gerade rechtzeitig in der Wohnung an, denn draußen herrschte bereits ein Chaos. Menschen liefen durcheinander, der Blick wurde durch weißen Staub in der Luft getrübt und es stank fürchterlich. Die Wohnungstür stand offen und Helen lugte erst einmal durch den Türspalt, um sich zu versichern, dass niemand Fremdes sich Zutritt verschafft hatte. Michael trat hinter sie und lugte ebenfalls hinein. Als alle überzeugt schienen, ging man rein. Es schien alles wie zuvor, außer dass sich ein kreisrundes Loch in der Wand befand. Der weiße Staub und der Lärm von der Straße drangen ein und hinten begann jemand zu husten. Michael drehte sich erfreut um und verkündete feierlich: „Sehen Sie, der Krieg ist unberechenbar und steckt voller Überraschungen. Niemand weiß, was morgen passieren wird. Seize the day! Carpe diem! Sie sagen es, wir leben es.“ Durch die Reisegruppe drang ein Raunen, erstaunte Gesichter nickten sich gegenseitig zu, einer klatschte begeistert: „Weiter, weiter, mehr, mehr!“ Michael schaute zufrieden in die Runde und sagte: „Damit haben Sie heute alles gesehen, was zum Alltag des Krieges gehört. Zum Abschluss werden wir mit den heute erworbenen Sojabohnen ein typisches Abendessen für Sie arrangieren. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen und Sie buchen das nächste Mal wieder bei „War Tours“. Michael verbeugte sich und erntete Applaus.

Helen lächelte müde und setzte sich auf die Fensterbank, um die Sojabohnen zu waschen. Dabei vermischte sich langsam das hecktische Treiben auf der Straße mit ihren Tagträumen von spielenden Kindern, womit sie sicher einschlief.

Krieg für immer

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Wir lernen
Dinge zu wiederholen
die man uns gelehrt hat
zu lernen
dabei erscheint es
immer wieder neu
wie wir wiederholen
zu lernen
dass die Welt so
und nicht anders
funktioniert
und sich dreht
immer in die gleiche Richtung
dreht
egal, was wir tun, was wir sagen

Es war und ist und wird
keine Überraschung sein
dass die Welt eines ist
und nicht deine und meine
Suppe
die jeder für sich
auslöffeln muss

Grenzen erwecken den Eindruck
von Sicherheit
vor einer fremden Gefahr
die gebannt werden muss
um die eigene Welt zu schützen
eine Idee von vor unserer Zeit
vor Fortschritt und Innovation
einer Welt voller Hirngespinste
so scheint es
wie von gestern zu wirken
doch sie sind zeitgemäß

Wir sind verbunden
zu kriegen, zu hassen
einem Hirngespinst zuliebe
Hass zu säen und zu ernten
schon immer, für immer
solange deine Welt
nicht die meine ist

Der schlechteste Erzähler der Welt

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Schon mal auf Thunfischsaft ausgerutscht? Ich arbeite viel, so viel, dass ich regelmäßig in Tränen ausbreche, vor Wut, Trauer und Hunger. Diese Woche war wieder besonders ermüdend und langweilig. Das raubt mir jegliche Fantasie, in allen Bereichen. Fragen mich Bekannte nach Kindernamen, sage ich grundsätzlich Horst, egal, ob Junge oder Mädchen. Horst ist universal und vor allem fragt mich danach nie wieder jemand. Ich hasse Kinder, mit denen kann man wirklich keine ordentliche Unterhaltung führen. Beim Kochen werde ich auch furchtbar unkreativ. Moment, ich muss mal eben nach der Pizza schauen, das ist meine letzte.

Wo war ich? In jeder Thunfischdose ist auch ein bisschen Delfin mit drin, 40%, hab ich gelesen. Also hab ich gleich eine Thelfinpizza oder so. Eigentlich könnte man das auch charmant vermarkten: “Thelfin: Thunfisch küsst Delfin.” Gab’s so noch nicht, glaube ich. Diese Werbeleute sind doch so euphemistisch unterwegs und die Journalisten eh. Wäre doch super grausam, ich meine, die armen Delfine. Thunfische sind egal, weil nicht süüß. Jeder, der nicht süüß ist, darf geschlachtet und filetiert werden. Ich finde Angela Merkel ganz und gar nicht süüß. Aber auch allgemein die CDU nicht. Christlich, wer ist denn schon noch christlich? Das ist total unmodern. Ob meine Pizza wohl bald fertig ist, langsam werde ich wütend.

Ich esse die jetzt einfach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ups, voll eingenickt! Ich hatte aber einen abgefahrenen Verdauungstraum, den muss ich noch kurz erzählen. Irgendwo in Australien, ich kenne nur Sydney, habe ich wie wild Fotos von einem Sonnenuntergang gemacht, als wäre ich gerade frisch gebackener Abiturient. Und dann war da noch so ein Gorilla an einer Lichtung, das war im Dschungel. Ich weiß nur gerade nicht, was das miteinander zu tun hatte. Ähm, vor dem Gorilla hatte ich auf jeden Fall richtig Angst und bin halt logischerweise weggelaufen. Aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr wegzulaufen und wollte ihn verscheuchen, in dem ich eine Banane in die entgegengesetzte Richtung geworfen habe. Der Gorilla hat mich nur irritiert angesehen und fragte: “Was soll das denn jetzt, ich bin bananointolerant!” Es stellte sich heraus, dass er Backpacker war und mich nur zum Tango auffordern wollte. Er reichte mir seine Klaue und sagte, dass Tango eine erlaubte Umarmung mit Unbekannten sei. Dem konnte ich natürlich nicht widerstehen. Hatschi …  hatschi … hatschi. Ich niese immer genau drei Mal. Auf jeden Fall tanzte ich den Rest der Nacht Tango mit dem Gorilla. Er schwelgte in der Nostalgie, der Musik die aus dem Plattenspieler ertönte.

So, nun zurück zur eigentlichen Geschichte. Jury hatte also ein Delfintrauma. Wer Jury ist, muss ich nicht erzählen. Jury ist ein Allerweltscharakter, wenn man ihn nicht kennt, sollte man sich lieber gleich erlegen oder ihn einfach googlen. Ich glaube, Jury war etwa sechs Jahre alt, als er das erste Mal seinen Fuß in irische Gewässer tunkte. Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich später herausstellte. Aber erst mal zu seinem Werdegang. Er hatte 3,5 Beziehungen, einmal mit einem Mann, aber das war nur eine halbe Beziehung, weil ja ein entscheidender Teil fehlte, nämlich die Frau. Die Frauen hießen Fanny, Helen und der letzte Name ist mir gerade entfallen. Vermutlich war es ein besonders femininer Name wie Claire. Der Mann hieß Bert und ist bis heute an Jurys Seite. Bestimmt schreit jetzt jemand wie ein Brüllaffe los: “ICH FIND DAS VOLL OK, DASS JURY SCHWUL IST!” Danke für Deine primitive Meinung, gehe bitte sterben! Ich bin sowieso für eine erhöhte Sterbe- und eine geringere Geburtenrate. Es gibt einfach zu viele Arschlöcher. Ich wäre lieber ganz allein auf dieser Welt mit meinem von Konservierungsstoffen aufgeblähten Bauch. Dann würde ich auch nicht mehr furzen. Furzen ist ein so hässliches Wort, ich würde es pusten oder schweben nennen. Ich muss mal eben schweben. Oh, wie schön.

Ich muss mal kurz das Fenster aufmachen. Die Amsel dort hinten sitzt immer dort, glotzt starr in meine Richtung und stößt seltsame Kreischlaute aus. Ich glaube, sie möchte meine Eier begatten. Das erinnert mich an eine Frau, die mal bei mir zu Besuch war. Wir hatten uns im Supermarkt kennengelernt: “Hey, bist Du nicht Laura? Nein, Kim. Hallo Kim, du siehst aus wie eine Laura. Dann nenne mich doch Laura. Was ist mit Kaura? Ok. Lust auf Wassermelone, Kaura?” Am darauffolgenden Wochenende besuchte Kaura mich in meiner 1-Zimmerwohnung, vielleicht gilt sie auch faktisch wegen des Ankleidezimmers als 2-Zimmerwohnung. Wir saßen am Fenster, uns lief der Saft von Wassermelone am Kinn hinunter und Kaura spuckte die Kerne in ihre klebrige Hand. Jetzt wird mir doch etwas kalt und der Spatz bringt mich um den Verstand.

So, Jury war also homosexuell, was völlig unerheblich für die Geschichte ist. Denn das traumatische Erlebnis ereignete sich bereits, als Jury etwa sieben Jahre alt war. Aber zunächst zu seiner Kindheit. Jury war in Irland geboren, entweder an der Westküste oder doch in England, und lebte dort bis er umzog.  Er genoss eine normale bis konservative Erziehung, evangelisch, wenn mich nicht alles täuscht. Seine Eltern schlugen ihn nur manchmal und seine sexuelle Identität begann ihn erst mit Anfang Zwölf zu verwirren. Ganz sicher bin ich mir dessen nicht, ich hab ihn ja nie getroffen und es aus seinem Mund gehört. Ich treffe selten einfach so Menschen, die mir aus ihrem Leben erzählen. Und wenn es mal so gewesen wäre, habe ich in dem Moment wohl nicht zugehört. Ich kann nämlich nicht zuhören, daher hat es auch mit Kaura nicht geklappt. Es war viel schöner, wie ihr der Saft am Mund hinuntergelaufen ist, als ihre gesprochenen Worte. Vermutlich hatte sie von Kants Weltbürgertum geschwärmt oder von dem Fahrradreifen, der vor ihrem Fenster im Baum hing, berichtet. Aber mit Gewissheit kann ich es nicht sagen. Unsere triefende Liaison scheiterte also, weil ich nicht wusste, wo sie hingegangen war. Eines Tages war ihre Wohnung leer und die Fenster offen. Ich hätte ihr zuhören sollen, dann wüsste ich jetzt, wo sie wohnt. Möglicherweise hätte ich mit ihr kommen können und wir würden uns jeden Tag auf Madagaskar in unserer Rum-Produktion besaufen. Mal würde sie aus meinem Bauchnabel trinken, mal ich bei ihr. Ich bin mir sicher, dass sie nach Madagaskar gegangen war, das passt irgendwie. Ihr etwas zu sehr alternativ gebundener Dutt, ihre schönen, aber kräftigen Hände, die gut zum Buddeln geeignet gewesen wären, und der leicht gespitzte Mund, als wäre er zum Französisch sprechen gewachsen. Ach, im Grunde war es nur irgendeine Frau aus dem Supermarkt, der ich einen neuen Namen gegeben hatte. Eigentlich konnte ich sie nicht mal richtig ausstehen. Ich sollte nicht melancholisch werden, das steht mir nicht. Wenn eine androgyne Mittzwanzigerin mit Zigarette und Oversize-Shirt auf dem ungemachten Bett sitzt und melancholisch aus dem Fenster schaut, ist das cool, modern, es ist so sexy. Eben dieses Szenario mit mir und man  möchte den Raum von negativen Schwingungen reinigen und mir einen „Du schaffst das“-Flyer zuwerfen. Apropos Zigarette, ich rauche mal eben eine. Ich drehe selbst, aber nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil ich gerne Dinge drehe. Wenn ich das erste Mal in einer fremden Wohnung bin, drehe ich Figuren, Bilder oder im Rollstuhl sitzende Rentner heimlich um. Viele Leute wissen nicht mal, wie rum ihre Sachen standen und sind dann furchtbar verwirrt, weil ihre Erinnerung an die Richtung der Dinge verschwommen ist. Dieser Blick ist unbezahlbar, versucht das mal.

Nun, Jury raucht nicht, aber das ist nicht Teil der Erzählung. Jury mochte es im Meer zu schwimmen, wenn ihm das salzige Wasser die Nase freispülte und er sich die Algen aus der Unterhose ziehen musste. Er hatte mit vier Jahren begonnen zu schwimmen und mit sechs Jahren aufgehört. Denn dann ereignete sich ein traumatisches Erlebnis, das es ihm fortan unmöglich machte, unbefangen im Meer zu schwimmen. Ich hatte bereits von Delfinen erzählt. Ich halte nicht viel von Delfinen. Erst mal vergewaltigen die sich gegenseitig, indem sie ihren Penis in das Luftloch eines anderen stecken und dann eben diese Geschichte mit Jury, von der ich gleich erzählen werde. Also Jury war gerade sieben Jahre alt geworden und wollte den Tag an seinem liebsten Ort verbringen. Warte, mein Blick schweift gerade zur Uhr. Es ist schon ein Uhr. Ich weiß, die Geschichte. Aber morgen muss ich halt  wieder früh raus, ich erzähl es einfach schnell, ok? Also Jury ist im Atlantik, glaub ich, schwimmen gegangen und da gibt es so richtige Killerdelfine. Ich sag ja, ich halte nichts von Delfinen. Auf jeden Fall kam der Delfin zu dem kleinen Jury und täuschte vor, mit ihm spielen zu wollen. Und weil Delfine ja immer romantisiert werden, ist Jury zu ihm geschwommen. Der Delfin nahm ihn auf die Schnauze und drückte ihn auf das Meer hinaus. Als sie außer Sichtweite waren, begann der Delfin Jury unter Wasser zu drücken.  Glücklicherweise hatte Jury eine Schwimmbrille auf, sodass er es irgendwie schaffte den Delfin von sich zu drücken und irgendwann gerettet wurde.

Uahh, so oder so ähnlich hat sich die Geschichte zugetragen. Mit Gewissheit kann ich das nicht sagen, da es eine erzählte Erzählung ist, die ich von einem Iren auf meiner Reise in Australien erzählt bekommen habe.  Er sprach sehr schlechtes Englisch und eigentlich habe ich ihm auch gar nicht zugehört.

Valentins Tag

Loving

Jedes Jahr am 14. Februar war Valentin den ganzen Tag so wütend, dass sein Kopf ganz schmal und bleich vor Wut wurde.  Von seinen Eltern hatte er stets ungeteilte Aufmerksamkeit erfahren, sodass seine drei Geschwister aufgrund eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms im Kinderheim arbeiten mussten, wo ältere, einsame Herrschaften Kindern ein bisschen Zuneigung schenken konnten. Valentin war es also nicht gewohnt, nicht der Mittelpunkt aller Interessen zu sein. Seiner Wichtigkeit wegen wurde der Valentinstag und sein Geburtstag unter gleichen Bedingungen zelebriert und er lebte in dem Glauben, dass er als Mensch höchster Priorität zwei Geburtstage hatte. Als seine Eltern jedoch bei einem Unfall auf der A3, bei dem jemand Pietätloses schwere Pferde von der Autobahnbrücke gestoßen hatte, grausam von Pferdehaaren erdrosselt wurden, hatten Valentins doppelte Geburtstage ein Ende und Valentin entwickelte sich zu einem Erwachsenen schwerer Kindheit. Seine Eltern mussten ablebensbedingt aufgeben, den Valentinstag als Valentins Tag zu feiern und von nun an unter Gras wohnen. An besonders schlechten Tagen machte es Valentin Mut, dass nicht nur er die Arschkarte gezogen hatte.

Jedes Jahr am 14. Februar interessierte sich niemand, wirklich niemand für Valentin. All die Kathrins, Heidis und Birten hatten nur Augen für Thorstens, Christians und Bernds. Sie schenkten sich gegenseitig rot angemalte Rosen, Schachteln voll Pralinen und verbrachten bei einem romantischen Spanferkelessen gemeinsam den Abend. Selbst der Versuch von sich in der dritten Person zu sprechen, brachte ihm keine Gratulationen ein. Die ersten Jahre nach dem Ableben seiner Eltern ließ ihn das Aufmerksamkeitsdefizit noch regelmäßig in Tränen ausbrechen, doch schon bald war er so abgeklärt, dass er am 14. Februar keine Emotionen mehr außer grenzenloser Wut zeigen konnte. Er spuckte an jenem Tage Pärchen, dessen Weg er kreuzte, abschätzig vor die Füße und beleidigte ihre nicht sehr glücklich gewachsenen Körperteile. Valentin liebte die Schwachstellen anderer Menschen, da sie seine Perfektion mit einem dicken Edding unterstrichen. Er hatte zwar bemerkt, dass er zu einem garstigen, jungen Mann geworden war, aber es gab in Valentins Welt keinen Platz für Nicht-Valentins, die am Valentinstag den Valentin nicht feierten. Sie feierten ohne Rücksicht ihren Egozentrismus und waren auch noch froh dabei. Man müsse sich mal vorstellen, dachte Valentin, dass für jeden an jemandes Geburtstag Geburtstagstorten gebacken werden würden, nur für das Geburtstagskind nicht. Das sei ein Skandal für all die verwöhnten Bälger, aber er, der gepeinigte Valentin, könne das nicht überstehen. So beschloss er am 14. Februar irgendeines Jahres seinem Schicksal ein Ende zu setzen und ritt auf einem Esel im Galopp als Geisterreiter auf der A3 entlang bis sie von einem Lastkraftwagen, der rote Rosen transportierte, erfasst wurden und einen tragischen Tod erlitten.

An den darauffolgenden Valentinstagen schmückte Valentins Gesicht die Titelseite aller Tageszeitungen. „Der Valentin, der am Valentinstag Suizid begangen hatte“ ging in die Geschichte ein und der Valentinstag wurde doch noch zu Valentins Tag.

Michael hat keinen Namen

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Wenn Michael nicht Michael hieße, würde er wahrscheinlich anders heißen. Er könnte sich auch durchaus vorstellen, Maximilian oder Marian zu heißen, aber leider reichte seine Kognition im zarten Alter von 0 nicht aus, um ein Mitspracherecht zu erhalten. Als er also dem wohlig-warmen Uterus seines weiblichen Elternteiles entrissen wurde, hatten zwei riesige Gesichter entschieden, dass Michael nach dem Vetter seines Großvaters mütterlicherseits, der in den Achtzigern mal ein fallendes Baby gefangen hatte, benannt werden sollte. Die Namensgebung hatte sich weder positiv noch negativ auf sein weiteres Leben ausgewirkt. Vermutlich hätte er auch mit anderem Namen eine Vorliebe für Literatur über das fachgerechte Falten eines Papierfliegers und für halb-gefrorenes Mangosorbet entwickelt. Möglicherweise wäre er als Marian aber auch prädestiniert gewesen, in dem kleinen Restaurant unten an der Ecke namens Das ist Marians Restaurant zu arbeiten, wo köstliches Zitronensorbet feilgeboten wurde und alle Bedienungen Marian hießen, und er sich so aufgrund einer emotionalen Bindung zu Zitronen nie den Mangos gewidmet hätte. Weil diese Annahmen reine Spekulationen waren, entschied Michael sich, der Sache auf den Grund zu gehen und ein Rundschreiben an all seine Freunde, Bekannten und Unbekannten zu verfassen. Er teilte mit, dass er von nun an ausnahmslos namenlos leben werde und bei jeder Missachtung eine Gebühr von 1,50 Euro fällig sei. Einige Betroffene kündigten ihm förmlich die Freundschaft und andere schickten eine Bestätigung. Da Michael ein überaus korrekter Mensch war, ließ er seinen Namen auch beim Bürgeramt streichen. Es war also amtlich, Michael hatte keinen Namen.

Die erste Woche lief gut und er konnte sich lästigen Gesprächen alltäglicher Dinge entziehen, indem er seinen Gesprächspartner einfach stehen ließ, seinen unbestimmten Nachrufen kein Gehör schenkte und dabei stets höflich blieb. Außerdem erhielt er keine Rechnungen mehr, da man seine Post im Mietshaus nicht zuteilen konnte und der Zusteller im Anflug cholerischer Anfälle die namenlose Post jedes Mal in der Luft zerriss. Er ließ es sich auch nicht nehmen, ohne Ticket mit der Bahn zu fahren. Gekauft hatte er aus Routine zwar eines, es dann aber am Bahnsteig einem farbigen Mann in die Hand gedrückt. Mit einem angenehmen Kribbeln im Bauch fuhr er also wahllos durch die Gegend und wartete auf die Fahrkartenkontrolle. Etwa 30,45 Minuten später wurde ihm Fahrkarten fordernd auf die Schulter getippt und er konnte lächelnd entgegnen, dass er keine habe. Routiniert griff der Fahrkartenkontrolleur nach einem Block, auf dem es Personalien aufzunehmen galt. Er zeigte seinen Personalausweis vor, der zwar eine Adresse, eine Körpergröße und eine Augenfarbe aufführte, aber natürlich keinen Namen, womit alle anderen Angaben nichtig waren. Der Fahrkartenkontrolleur wurde sichtlich garstig bei solch einer Machtlosigkeit und warf aus Unzufriedenheit ein paar Arabisch aussehende Fahrgäste aus der Bahn. Er blieb triumphierend zurück und lächelte der etwas dicklichen Frau auf dem Nebenplatz zu, die ganz nüchtern nieste.

Doch er unterließ es schnell, auf solch übertriebene Art zu lächeln, um seine müden Mundwinkel zu schonen und weil er einen unerfreulichen Anruf erhielt. Der Inhaber eines innovativen Unternehmens mit hoher Marge, in dem er tätig war, ließ ihn unterrichten, dass seine bahnbrechende Arbeit der letzten Monate aufgrund des fehlenden Namens nicht veröffentlicht werden könne und man einem aufstrebenden Studenten mit ansprechendem Namen die fremden Lorbeeren zugeteilt habe. Außerdem sei er mit diesem Anruf gekündigt, da man davon absehe, Post an eine namenlose Adresse zu senden. Nach Beenden des Gesprächs wurde ihm heulend bewusst, dass er ganz und gar bedeutungslos war. Er fühlte sich schrecklich dumm und unwissend. Nun ergab Sinn, dass nur Namen es ermöglichen, Bedeutungen zu (zu)ordnen. Und da Name und  Bedeutung in einem reziproken Verhältnis stehen, gibt es ohne einen Namen auch keine Bedeutung. Er schwamm also in einer undefinierten, undurchsichtigen Masse und musste sich eingestehen, dass er weniger bedeutsam war als eine Waffel.

Keine Entscheidung

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In einer Bäckerei am Ende der Welt war er fest entschlossen, einen Pflaumenkuchen zu bestellen. Die kompetente Kuchenfachverkäuferin jedoch ließ ihn auch mit dem köstlichen Käsekuchen liebäugeln, sodass er sich seiner Entscheidung nicht mehr ganz sicher war. Der Käse war ihm schon immer lieb gewesen und noch dazu der Liebling aller Holländer. So entschied er sich, einen Käsekuchen zu bestellen.

Das kompetente Lächeln wich einem spöttischen Weinen darüber, dass ihre Verkaufsstrategie nur bis zum erstbesten Käsekuchen reichte. Um sie zu beruhigen drückte er augenblicklich auf ihre Nase, was sie augenblicklich zum Schweigen brachte. Er ließ sich aus Solidarität auf ein weiteres Verkaufsgespräch ein, sodass die Kuchenfachverkäuferin in einem Anflug explodierender Kompetenz ihre Fassung zurückerlangte. In ihrem Gesicht befand sich jeder Hautfetzen an seiner zugewiesenen Stelle. Sie rückte gewissenhaft ihr Muffinnamensschild zurecht und erfragte generelle Einwände gegen etwas Süßes. Erst am Morgen hatte sie einen ganz schön deftigen Wurstkuchen zubereitet, der neben all dem Süßkram nicht an Deftigkeit verlieren sollte.

Er war jedoch etwas klebrig im Kopf und hatte keine Einwände gegen etwas Süßes, weshalb er sich für den Wurstkuchen entschied. Ihm wurde ganz schwindelig von ihrer Kompetenz, denn zuweilen hatten ihre Mundwinkel angefangen zu tanzen und sicher wusste sie nicht mehr, ob sie tanzen oder stampfen sollte. Sie hatte kein Interesse an den perfiden Spielchen des ambivalenten Kundens und drängte auf eine finalen Antwort. Weil er nun schnell handeln musste, traf er eine wirklich dumme Entscheidung und bestellte einen Mohnkuchen mit der Möglichkeit, ihn morgen umtauschen zu können, falls er nicht das Richtige sei. Die kompetente Kuchenfachverkäuferin stellte missmutig eine Rechnung aus und winkte ihn wieder erwartend nach.

Die Freiheit der Illusion

Wie eine Seifenblase, die immer wieder sagt, dass sie gehen muss.

Aber sie sinkt nicht ab, sondern steigt empor.

Schaut zurück und hinauf mit dem seifigen Leuchten ihrer Augen.

Das Platzen ist kein trauriges Ende einer inhaltslosen Seifenblase,

es ist Seife, die so frei war, zu schweben,

entgegen dem Klopfen der Wirklichkeit.

Und das ist so wunderschön, weil man nie weiß, wann man abhebt.

Aber man weiß, dass man wieder landen wird, um irgendwann wieder

zu schweben.

Erwachsene Bleifüße

Als ich einen halben Meter hoch war, mussten meine Füße nicht besonders groß und schwer sein, für einen stabilen Stand. Ohne große Mühe konnte ich meine Knie an die Nase ziehen, um daran zu schnuppern. Meine Mutter, die das nicht zu können schien, war so beeindruckt von meiner Knieleichtigkeit, dass sie mir manchmal kleine Äpfel auf das angewinkelte Knie legte, die ich dann mit einem Schwung schnappen konnte. Jedes Mal klatschte sie begeistert und sagte, dass ich in der Übung bleiben müsse.

Je älter und höher ich wurde, desto rascher wuchsen meine Füße. Unglücklicherweise stagnierte ihr Gewicht bei wachsender Länge, sodass beim alljährlichen Füßewiegen ein FMI im Bereich starken Untergewichts festgestellt wurde. Das war die Folge des inflationären Apfelschnappens. Der bärtig-besorgte Podologe verschrieb mir also Bleipillen, die ich dreimal täglich einnehmen musste. Viele Patienten würden sie nehmen, um sich ohne Sorge in eine Böe stellen zu können. Die Zeiten wurden windiger. So füllten sich meine Füße nach und nach mit Blei. Das war eine gute Sache, wenn man eine menschliche Leiter bauen oder Suizid in einem 1,71 Meter tiefen Tümpel begehen wollte. Doch ich trauerte meinen kleinen Äpfeln nach, die ich von da an nie wieder gegessen oder angesehen hatte. Als ich meine endgültige Höhe und Länge erreicht hatte, wogen meine Füße genauso viel wie der restliche Körper, womit ich über 100 Kilogramm wog. Vor lauter Frust aß ich tagtäglich nichts weiter als eine Stange Rhabarber, auf die ich nicht verzichten mochte. Schon bald war mein Körper oberhalb der Füße so hauchdünn, dass ich im Wind hin und her flatterte. Ich fühlte mich andächtig. Und während ich jahrelang so dahin flatterte, baute sich das Blei in meinen Füßen langsam wieder ab. Erwartungsfroh fieberte ich dem bleifreien Tag entgegen. Ich würde erhobenen Knies zu meiner Mutter laufen und die klitzekleinen Äpfel schnappen.

Ich zählte die Wochen, wobei ich mich immer wieder verzettelte und neu beginnen musste. Nach einiger Zeit, die ich falsch gezählt hatte, konnte ich endlich meine Zehen und Füße bewegen. Übermütig wollte ich das Bein zum Schwung ausholen, doch fühlte ich keine Leichtigkeit, sondern ein Ächzen aus meinem Mund. Beirrt musste ich am Haus meiner Mutter feststellen, dass sie schon lang keine kleinen Äpfel mehr besorgt hatte. Ich war ergreist.

#stopbodycrying

Das war ja klar! Dicke, sehr nette Hausfrauen rufen auf Twitter #stopbodyshaming ins Leben, um ihre Dicklichkeit zu rechtfertigen. Und dann nutzen die dünnen, wirklich nicht sehr netten Drahtmädchen das auch noch schamlos aus und präsentieren ihre Astralkörper unter diesem Hashtag. Zwischen Schwabbelbäuchen, Hängehintern und sexy Unterwäschefotos frage ich mich, ob mein Apfelstrudel bald fertig ist.

Dieser menschliche Körper scheint ein sehr diskutables Thema zu sein. Denn ich lese immer öfter wie meiner auszusehen hat und kann dann einschätzen, ob ich eine „real woman“ bin. Manchmal soll er schlank aber sportlich sein, manch eine/r findet hingegen, dass nur richtige Kurven akzeptabel sind. Bei Männern darf es hin und wieder muskulös, aber nicht zu sehr sein. Wie sieht es da eigentlich mit Kurven aus? Diese rege Diskussion über den schönsten Körper wird durch Bildmaterial auf diversen Plattformen unterstrichen. Es bilden sich regelrechte Parteien, die andere Formen ablehnen und ihr eigenes Ideal propagieren. Selbstredend findet sich hier auch eine liberale Mitte, die sich nicht festlegen will und an die Schönheit jedes Körpers appelliert. Aber das ist schlichtweg gelogen. Es ist nicht jeder Körper schön. Denn diese Bewegung der Körperfokussierung resultiert eben erst aus der Unzufriedenheit so vieler Menschen mit ihrem Körper, der Diskussion darüber und der Definition der Öffentlichkeit von Schönheit. Dazu kann es keinen Konsens geben, so herrscht große Verwirrung und man verfällt in Verschwörungstheorien zum perfekten Körper.

Doch unsere Körper haben darauf gar keine Lust und würden vielleicht lieber an ihrem Vitaminmangel oder ihrer Fettschürze arbeiten, anstatt sich ständig fotografieren zu lassen. Möglicherweise wollen sie auch einfach nur ihren Alltag bestreiten, denn Körper haben wichtige Aufgaben, die erledigt werden müssen und möchten daher nicht ständig im Mittelpunkt stehen. Hin und wieder braucht der Körper ein wenig Zuwendung sowie jemanden, der ihm zuhört. Dann ist das auch alles nicht so kompliziert und schwierig, wie es den Anschein hat. Wenn man so darüber nachdenkt, sehen Körper allgemein sehr seltsam aus und darüber könnte man auch einmal herzlich lachen.

Daher fotografiere ich heute mal nicht meinen Bauch, sondern die Fliege in meinem Apfelstrudel.