Geteilte Meinungen

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Es gibt einen neuen Trend in der Meinungsäußerung. Man kann alles behaupten, ob fundiert oder nicht, und muss sich nun nicht mehr auf eine lästige Debatte einlassen, sondern kann „seine Meinung“ einfach so stehen lassen. Denn es herrscht Meinungsfreiheit und wie das Wort schon sagt, ist jede Meinung frei und kann wie ein Vögelchen vor jeglicher Rechtfertigung davonfliegen. Auf Fakten basierende Diskussionen sind längst aus der Mode und es wird nur so mit Meinungen um sich geschmissen. Auf der einen Seite wird behauptet, Weizen sei schlecht für die Haut und auf anderer, flüchtende Menschen seien Schmarotzer. Beides kann sicher durch persönliche Erfahrung belegt und somit als freie Meinungsäußerung bewertet werden, aber es gibt doch einen klitzekleinen Unterschied. Der Artikel 5 des Grundgesetzes sagt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“ An dieser Stelle fühlt sich jeder Meinende bestätigt und in seinem Recht, doch einige vergessen dann einfach weiterzulesen und ich wage zu behaupten, dass ihnen das nicht zum ersten Mal passierte. Denn weiter heißt es, dass „diese Rechte ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre finden.“ Man könnte nun recherchieren, was es mit dem Recht der persönlichen Ehre auf sich hat, aber da sind die nicht weiterlesenden Meinenden schon vor einem Flüchtlingsbus und brüllen ihre Parolen in das Gesicht traumatisierter Kinder. Die sogenannte Schmähkritik ist nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt und bezeichnet eine Kritikform, „bei der nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht.“ Man sollte also nicht auch noch das Grundgesetze zu seinem Vorteil auslegen und glauben, sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit alles erlauben zu dürfen. Und denjenigen, die die Meinung nicht weiterlesenden Meinenden fraglos übernehmen, da sie gerne was zum Meinen hätten, soll gesagt sein, dass eine falsche, aber geteilte Meinung niemals richtiger, sondern immer falscher wird. Wenn eine Meinung mit Fakten widerlegt wird, dann ist es eine Meinung, die verworfen werden kann, weil sie falsch ist. Denn Widerlegung ist kein Zuspruch, sondern das Aufdecken von Unwahrheiten.

Von manchen Themen gibt es in dem aufgeklärten, demokratischen Deutschland keine zwei Meinungen. So würde niemand Sklaverei in der klassischen Definition befürworten und es öffentlich kundgeben, da es rechtlich und moralisch nicht mehr vertretbar ist. Doch das ist auch ein ausgelutschter Drops und ganz anders sieht es da bei aktuellen Themen aus. Vor Kurzem debattierte ich mit einer Astrid über die Rolle der Frau in einer Beziehung zu einem Mann und in der Gesellschaft. Das ist durchaus interessant, doch als Astrid sagte, dass Emanzipation etwas sei, das nicht jeder Frau gefiele, musste ich die Diskussion beenden. Denn Emanzipation, also die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung einer Frau oder auch eines Mannes, ist kein Thema von der man eine geteilte Meinung haben kann. Die Umsetzung und unter welchen Bedingungen das ganze letztlich stattfindet ist diskutabel, aber ob es Emanzipation geben soll oder nicht, steht außer Frage. Astrids „Meinung“ ist zwar nicht rechtlich, dafür aber im höchsten Maß moralisch verwerflich.

Freie Meinungsäußerung findet also nicht ohne rechtliche und moralische Einschränkungen statt, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Das ist ein Appell an alle Meinenden auf der Straße, im Wohnzimmer und in sozialen Netzwerken. Es ist schlimm genug, dass ihr mit euren als Meinungsäußerung deklarierten Unwahrheiten und Ängsten wütend auf dem Sofa sitzt, aber noch schlimmer ist es, wenn ihr sie öffentlich macht. Dann kann jeder sehen, dass ihr nie weitergelesen habt.

Chocolats pralinés

Des Öfteren verspüre ich einen unstillbaren Appetit auf Schokolade, da Schokolade schön und sehr schmackhaft ist. In den meisten Sorten sind allerdings Unmengen Zucker und andere Absonderlichkeiten enthalten. Bevor man also ein Studium der Trophologie absolviert, kann man sich einfach selbst von hinten unter die Arme greifen und eine Chocolaterie in der heimischen Küche eröffnen. Ich habe heute mal chocolats pralinés mit Haselnuss ausprobiert und war sehr begeistert, wie schnell man selbst einen Schokoladenmantel (ich hätte auch so gern einen) herstellen kann.

Und das braucht ihr:

80g Kakaobutter

180g gemahlene Haselnüsse

60g Kakao

gemahlene Vanille

Agavendicksaft (oder vergleichbare Süßungsmittel)

Salz

Und so geht’s:

Zunächst werden 100 Gramm der Haselnüsse mit 50 Gramm Kakao, etwas Vanille, ein wenig Agavendicksaft und einer Prise Salz zu einer klebrigen Masse vermischt und zu kleinen Kugeln geformt. Die müssen dann für etwa 20 Minuten in den Tiefkühlschrank. Währenddessen wird die Kakaobutter in einem kleinen Topf erhitzt bis sie flüssig ist und mit den restlichen Haselnüssen, 10 Gramm Kakao, etwas Vanille, Agavendicksaft und Salz vermengt. Die flüssige Schokolade nun auch für etwa 10 Minuten im Tiefkühlschrank ruhen lassen. Nach dem Abkühlen werden die Kugeln durch die etwas sämiger gewordene Schokolade gerollt und auf einem Gitter getrocknet. Zum Garnieren kann man etwas Kokosraspeln auf den Pralinen verstreuen. Fertig!

 

 

Valentins Tag

Loving

Jedes Jahr am 14. Februar war Valentin den ganzen Tag so wütend, dass sein Kopf ganz schmal und bleich vor Wut wurde.  Von seinen Eltern hatte er stets ungeteilte Aufmerksamkeit erfahren, sodass seine drei Geschwister aufgrund eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms im Kinderheim arbeiten mussten, wo ältere, einsame Herrschaften Kindern ein bisschen Zuneigung schenken konnten. Valentin war es also nicht gewohnt, nicht der Mittelpunkt aller Interessen zu sein. Seiner Wichtigkeit wegen wurde der Valentinstag und sein Geburtstag unter gleichen Bedingungen zelebriert und er lebte in dem Glauben, dass er als Mensch höchster Priorität zwei Geburtstage hatte. Als seine Eltern jedoch bei einem Unfall auf der A3, bei dem jemand Pietätloses schwere Pferde von der Autobahnbrücke gestoßen hatte, grausam von Pferdehaaren erdrosselt wurden, hatten Valentins doppelte Geburtstage ein Ende und Valentin entwickelte sich zu einem Erwachsenen schwerer Kindheit. Seine Eltern mussten ablebensbedingt aufgeben, den Valentinstag als Valentins Tag zu feiern und von nun an unter Gras wohnen. An besonders schlechten Tagen machte es Valentin Mut, dass nicht nur er die Arschkarte gezogen hatte.

Jedes Jahr am 14. Februar interessierte sich niemand, wirklich niemand für Valentin. All die Kathrins, Heidis und Birten hatten nur Augen für Thorstens, Christians und Bernds. Sie schenkten sich gegenseitig rot angemalte Rosen, Schachteln voll Pralinen und verbrachten bei einem romantischen Spanferkelessen gemeinsam den Abend. Selbst der Versuch von sich in der dritten Person zu sprechen, brachte ihm keine Gratulationen ein. Die ersten Jahre nach dem Ableben seiner Eltern ließ ihn das Aufmerksamkeitsdefizit noch regelmäßig in Tränen ausbrechen, doch schon bald war er so abgeklärt, dass er am 14. Februar keine Emotionen mehr außer grenzenloser Wut zeigen konnte. Er spuckte an jenem Tage Pärchen, dessen Weg er kreuzte, abschätzig vor die Füße und beleidigte ihre nicht sehr glücklich gewachsenen Körperteile. Valentin liebte die Schwachstellen anderer Menschen, da sie seine Perfektion mit einem dicken Edding unterstrichen. Er hatte zwar bemerkt, dass er zu einem garstigen, jungen Mann geworden war, aber es gab in Valentins Welt keinen Platz für Nicht-Valentins, die am Valentinstag den Valentin nicht feierten. Sie feierten ohne Rücksicht ihren Egozentrismus und waren auch noch froh dabei. Man müsse sich mal vorstellen, dachte Valentin, dass für jeden an jemandes Geburtstag Geburtstagstorten gebacken werden würden, nur für das Geburtstagskind nicht. Das sei ein Skandal für all die verwöhnten Bälger, aber er, der gepeinigte Valentin, könne das nicht überstehen. So beschloss er am 14. Februar irgendeines Jahres seinem Schicksal ein Ende zu setzen und ritt auf einem Esel im Galopp als Geisterreiter auf der A3 entlang bis sie von einem Lastkraftwagen, der rote Rosen transportierte, erfasst wurden und einen tragischen Tod erlitten.

An den darauffolgenden Valentinstagen schmückte Valentins Gesicht die Titelseite aller Tageszeitungen. „Der Valentin, der am Valentinstag Suizid begangen hatte“ ging in die Geschichte ein und der Valentinstag wurde doch noch zu Valentins Tag.

Michael hat keinen Namen

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Wenn Michael nicht Michael hieße, würde er wahrscheinlich anders heißen. Er könnte sich auch durchaus vorstellen, Maximilian oder Marian zu heißen, aber leider reichte seine Kognition im zarten Alter von 0 nicht aus, um ein Mitspracherecht zu erhalten. Als er also dem wohlig-warmen Uterus seines weiblichen Elternteiles entrissen wurde, hatten zwei riesige Gesichter entschieden, dass Michael nach dem Vetter seines Großvaters mütterlicherseits, der in den Achtzigern mal ein fallendes Baby gefangen hatte, benannt werden sollte. Die Namensgebung hatte sich weder positiv noch negativ auf sein weiteres Leben ausgewirkt. Vermutlich hätte er auch mit anderem Namen eine Vorliebe für Literatur über das fachgerechte Falten eines Papierfliegers und für halb-gefrorenes Mangosorbet entwickelt. Möglicherweise wäre er als Marian aber auch prädestiniert gewesen, in dem kleinen Restaurant unten an der Ecke namens Das ist Marians Restaurant zu arbeiten, wo köstliches Zitronensorbet feilgeboten wurde und alle Bedienungen Marian hießen, und er sich so aufgrund einer emotionalen Bindung zu Zitronen nie den Mangos gewidmet hätte. Weil diese Annahmen reine Spekulationen waren, entschied Michael sich, der Sache auf den Grund zu gehen und ein Rundschreiben an all seine Freunde, Bekannten und Unbekannten zu verfassen. Er teilte mit, dass er von nun an ausnahmslos namenlos leben werde und bei jeder Missachtung eine Gebühr von 1,50 Euro fällig sei. Einige Betroffene kündigten ihm förmlich die Freundschaft und andere schickten eine Bestätigung. Da Michael ein überaus korrekter Mensch war, ließ er seinen Namen auch beim Bürgeramt streichen. Es war also amtlich, Michael hatte keinen Namen.

Die erste Woche lief gut und er konnte sich lästigen Gesprächen alltäglicher Dinge entziehen, in dem er seinen Gesprächspartner einfach stehen ließ, seinen unbestimmten Nachrufen kein Gehör schenkte und dabei stets höflich blieb. Außerdem erhielt er keine Rechnungen mehr, da man seine Post im Mietshaus nicht zuteilen konnte und der Zusteller im Anflug cholerischer Anfälle die namenlose Post jedes Mal in der Luft zerriss. Er ließ es sich auch nicht nehmen, ohne Ticket mit der Bahn zu fahren. Gekauft hatte er aus Routine zwar eines, es dann aber am Bahnsteig einem farbigen Mann in die Hand gedrückt. Mit einem angenehmen Kribbeln im Bauch fuhr er also wahllos durch die Gegend und wartete auf die Fahrkartenkontrolle. Etwa 30,45 Minuten später wurde ihm Fahrkarten fordernd auf die Schulter getippt und er konnte lächelnd entgegnen, dass er keine habe. Routiniert griff der Fahrkartenkontrolleur nach einem Block, auf dem es Personalien aufzunehmen galt. Er zeigte seinen Personalausweis vor, der zwar eine Adresse, eine Körpergröße und eine Augenfarbe aufführte, aber natürlich keinen Namen, womit alle anderen Angaben nichtig waren. Der Fahrkartenkontrolleur wurde sichtlich garstig bei solch einer Machtlosigkeit und warf aus Unzufriedenheit ein paar Arabisch aussehende Fahrgäste aus der Bahn. Er blieb triumphierend zurück und lächelte der etwas dicklichen Frau auf dem Nebenplatz zu, die ganz nüchtern nieste.

Doch er unterließ es schnell, auf solch übertriebene Art zu lächeln, um seine müden Mundwinkel zu schonen und weil er einen unerfreulichen Anruf erhielt. Der Inhaber eines innovativen Unternehmens mit hoher Marge, in dem er tätig war, ließ ihn unterrichten, dass seine bahnbrechende Arbeit der letzten Monate aufgrund des fehlenden Namens nicht veröffentlicht werden könne und man einem aufstrebenden Studenten mit ansprechendem Namen die fremden Lorbeeren zugeteilt habe. Außerdem sei er mit diesem Anruf gekündigt, da man davon absehe, Post an eine namenlose Adresse zu senden. Nach Beenden des Gesprächs wurde ihm heulend bewusst, dass er ganz und gar bedeutungslos war. Er fühlte sich schrecklich dumm und unwissend. Nun ergab Sinn, dass nur Namen es ermöglichen, Bedeutungen zu (zu)ordnen. Und da Name und  Bedeutung in einem reziproken Verhältnis stehen, gibt es ohne einen Namen auch keine Bedeutung. Er schwamm also in einer undefinierten, undurchsichtigen Masse und musste sich eingestehen, dass er weniger bedeutsam war als eine Waffel.

Keine Entscheidung

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In einer Bäckerei am Ende der Welt war er fest entschlossen, einen Pflaumenkuchen zu bestellen. Die kompetente Kuchenfachverkäuferin jedoch ließ ihn auch mit dem köstlichen Käsekuchen liebäugeln, sodass er sich seiner Entscheidung nicht mehr ganz sicher war. Der Käse war ihm schon immer lieb gewesen und noch dazu der Liebling aller Holländer. So entschied er sich, einen Käsekuchen zu bestellen.

Das kompetente Lächeln wich einem spöttischen Weinen darüber, dass ihre Verkaufsstrategie nur bis zum erstbesten Käsekuchen reichte. Um sie zu beruhigen drückte er augenblicklich auf ihre Nase, was sie augenblicklich zum Schweigen brachte. Er ließ sich aus Solidarität auf ein weiteres Verkaufsgespräch ein, sodass die Kuchenfachverkäuferin in einem Anflug explodierender Kompetenz ihre Fassung zurück erlangte. In ihrem Gesicht befand sich jeder Hautfetzen an seiner zugewiesenen Stelle. Sie rückte gewissenhaft ihr Muffinnamensschild zurecht und erfragte generelle Einwände gegen etwas Süßes. Erst am Morgen hatte sie einen ganz schön deftigen Wurstkuchen zubereitet, der neben all dem Süßkram nicht an Deftigkeit verlieren sollte.

Er war jedoch etwas klebrig im Kopf und hatte keine Einwände gegen etwas Süßes, weshalb er sich für den Wurstkuchen entschied. Ihm wurde ganz schwindelig von ihrer Kompetenz, denn zuweilen hatten ihre Mundwinkel angefangen zu tanzen und sicher wusste sie nicht mehr, ob sie tanzen oder stampfen sollte. Sie hatte kein Interesse an den perfiden Spielchen des ambivalenten Kundens und drängte auf eine finalen Antwort. Weil er nun schnell handeln musste, traf er eine wirklich dumme Entscheidung und bestellte einen Mohnkuchen mit der Möglichkeit, ihn morgen umtauschen zu können, falls er nicht das Richtige sei. Die kompetente Kuchenfachverkäuferin stellte missmutig eine Rechnung aus und winkte ihn wieder erwartend nach.

Xenophobia-Phobie

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Meine Kommilitonin mit den lustig abstehenden Ohren, die manchmal nach verdautem Orangensaft riecht und am liebsten auf Ibiza Urlaub macht, ist mir immer nur semi-sympathisch gewesen. Ihre Ohren zaubern mir an grauen Donnerstagen ein Lächeln auf die Lippen und der Orangengeruch widert mich so sehr an, dass ich fast sauer aufstoßen muss, wenn sie mir spricht. Ich nenne das eine ambivalente … Freundschaft.

An einem Donnerstag betrete ich nichts ahnend den Kursraum und setzte mich neben meine Freundin, nennen wir sie Rosa. Rosa scheint an diesem Tag besonders politisch gestimmt zu sein, was vermutlich ihrem blauen Nagellack zu zuschreiben ist, und fängt alsbald eine einseitige Konversation mit mir an. Sie habe da gestern eine Dokumentation über Flüchtlinge gesehen, die habe ihr wirklich Angst gemacht. Es fallen Sätze wie „Man kann ja gar nicht mehr kontrollieren, ob auch Terroristen unter den Asylbewerbern eingeschleust werden“ und „Ich habe ja schon länger Angst, allein nachts durch die Straßen zu gehen“. Mein Gesicht ist so ausdruckslos, dass man meinen Kopf auch einfach durch einen hautfarbenen Ball ersetzen könnte. Ich denke, mich lässt das kalt. Aber plötzlich ist es da. Tief in meiner Magengrube macht sich ein ungutes Gefühl breit. Zunächst schließe ich auf eine durch verdauten Orangengeruch hervorgerufene Übelkeit und schaue mich nach einem undurchlässigen Abfalleimer um. Mein Mageninhalt bleibt glücklicherweise in der Magengrube, aber stattdessen arbeitet sich das Gefühl in all meine Gliedmaßen vor. Es beginnt zu kribbeln und mein Körper fühlt sich wie ein verdammter Ameisenhaufen an. Ich spreche nicht von dem angenehmen Kribbeln, das mich bei dem Anblick von einem Berg Waffeln durchfährt oder wenn man eben verliebt ist, sondern von dem unaushaltbaren Kribbeln, bei dem nur ein rastloser Ausdruckstanz zu helfen scheint. Mein Gesicht ist souverän, mein Herz auf Extasy. Mittlerweile liebäugle ich mit dem Fenster, der mich offen mit seinen starken Armen lockt. Ob er wohl trainiert? Rosas Gesicht verzerrt sich zu einer teuflischen Orange. Ich halte es nicht mehr aus und möchte mich in embryonaler Haltung vom Stuhl und Richtung Notausgang rollen. Panisch stelle ich fest, dass wir uns im Erdgeschoss befinden und mich ein Sturz aus der Terassentür wohl kaum grausam umbringen wird. Also handle ich in einzig logischer Konsequenz und begieße die Orange mit meinem Granatapfelsaft.

Rosa hat mich seitdem nie wieder angeatmet und ihren Sitzplatz gewechselt. Ich nehme an, dass sie zuvor noch nie Granatapfelsaft getrunken hatte und ihr der Geruch folglich suspekt vorkam.

Die Freiheit der Illusion


Freisein, Illusionieren, Schweben

Wie eine Seifenblase, die immer wieder sagt, dass sie gehen muss.

Aber sie sinkt nicht ab, sondern steigt empor.

Schaut zurück und hinauf mit dem seifigen Leuchten ihrer Augen.

Das Platzen ist nicht das traurige Ende einer inhaltslosen Seifenblase,

es ist Seife, die so frei war zu schweben,

entgegen dem Klopfen der Wirklichkeit.

Und das ist so wunderschön, weil man nie weiß, wann man abhebt.

Aber man weiß, dass man wieder landen wird, um irgendwann wieder

zu schweben.

Bitte, denk einfach mehr daran!

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Wenn ich in der U-Bahn sitze, meine ich, viele glückliche und manche weniger glückliche Menschen zu sehen. Nehmen wir die burschikose Frau, die an der Tür steht und lächelnd den vermutlichen Katzenvideokonsum auf dem Handy eines anderen Fahrgastes beobachtet. Als sie jedoch an ihrer Haltestelle anlangt, verlässt sie mit missmutigem Gesicht das Fahrzeug. Entweder ihr missfällt das abrupte Ende der Liaison zwischen  ihr und dem fremden Handy oder sie muss plötzlich an den tragischen Tod ihrer Katze Manfred denken. Manch einer würde behaupten, dass man schlecht an dem Gesichtsausdruck fest machen kann, ob jemand glücklich oder unglücklich ist. Ich finde, dass gerade dieses Beispiel zeigt, wie temporär und berechenbar Glück sein kann.

Wenn wir von Glück sprechen, dann meistens als Ausprägung des unumstößlichen Gefühls innerer Zufriedenheit. In dem was man tut, wer man ist und was man von anderen erwartet. Wer das von sich behaupten kann, ist ein nicht sehr ehrlicher Ignorant mit Affenkopf. Pardon, liebe Affen.

Denn es ist ziemlich einfach gerechnet,  die Glücksmomente zu einem Kontinuum des ultimativen Glücks zu summieren, um sich als Mitglied der Glückselite zu profilieren. Unglücklichsein ist uncool. Versager sind unglücklich. Man muss glücklich sein. Wieso muss man sich für eine Seite entscheiden und sich in einem Dauerzustand befinden. Das ist unreflektiert und langweilig. Man blendet zu viel Wichtiges aus, um immer glücklich sein zu können. Doch diese Dinge verdienen es, dass man über sie nachdenkt, sie reflektiert, vielleicht auch ihretwegen trauert.

Einfach nicht mehr daran zu denken, ist eben einfach. Aber will man einfach einfach sein?

Erwachsene Bleifüße

Als ich einen halben Meter hoch war, mussten meine Füße nicht besonders groß und schwer sein, für einen stabilen Stand. Ohne große Müh’ konnte ich meine Knie an die Nase ziehen, um daran zu schnuppern. Meine Mutter, die das nicht zu können schien, war so beeindruckt von meiner Knieleichtigkeit, dass sie mir manchmal kleine Äpfel auf das angewinkelte Knie legte, die ich dann mit einem Schwung schnappen konnte. Jedes Mal klatschte sie begeistert und sagte, dass ich in der Übung bleiben müsse.

Je älter und höher ich wurde, desto rascher wuchsen meine Füße. Unglücklicherweise stagnierte ihr Gewicht bei wachsender Länge, sodass beim alljährlichen Füßewiegen  ein FMI im Bereich starken Untergewichts festgestellt wurde. Das war die Folge des inflationären Apfelschnappens. Der bärtig-besorgte Podologe verschrieb mir also Bleipillen, die ich dreimal täglich einnehmen musste. Viele Patienten würden sie nehmen, um sich ohne Sorge in eine Böe stellen zu können. Die Zeiten wurden windiger. So füllten sich meine Füße nach und nach mit Blei. Das war eine gute Sache, wenn man eine menschliche Leiter bauen oder Suizid in einem 1,71 m tiefen Tümpel begehen wollte. Doch ich trauerte meinen kleinen Äpfeln nach, die ich von da an nie wieder gegessen oder angesehen hatte. Als ich meine endgültige Höhe und Länge erreicht hatte, wogen meine Füße genauso viel wie der restliche Körper, womit ich über 100 kg wog. Vor lauter Frust aß ich tagtäglich nichts weiter als eine Stange Rhabarber, auf die ich nicht verzichten mochte. Schon bald war mein Körper oberhalb der Füße so hauchdünn, dass ich im Wind hin und her flatterte. Ich fühlte mich andächtig. Und während ich jahrelang so dahin flatterte, baute sich das Blei in meinen Füßen langsam wieder ab. Erwartungsfroh fieberte ich dem bleifreien Tag entgegen. Ich würde erhobenen Knies zu meiner Mutter laufen und die klitzekleinen Äpfel schnappen.

Ich zählte die Wochen, wobei ich mich immer wieder verzettelte und neu beginnen musste. Nach einiger Zeit, die ich falsch gezählt hatte, konnte ich endlich meine Zehen und Füße bewegen. Übermütig wollte ich das Bein zum Schwung ausholen, doch fühlte ich keine Leichtigkeit, sondern ein Ächzen aus meinem Mund. Beirrt musste ich am Haus meiner Mutter feststellen, dass sie schon lang keine kleinen Äpfel mehr besorgt hatte. Ich war ergreist.

#stopbodycrying

Das war ja klar! Dicke, sehr nette Hausfrauen rufen auf Twitter #stopbodyshaming ins Leben, um ihre Dicklichkeit zu rechtfertigen. Und dann nutzen die dünnen, wirklich nicht sehr netten Drahtmädchen das auch noch schamlos aus und präsentieren ihre Astralkörper unter diesem Hashtag. Zwischen Schwabbelbäuchen, Hängehintern und sexy Unterwäschefotos frage ich mich, ob mein Apfelstrudel bald fertig ist.

Dieser menschliche Körper scheint ein sehr diskutables Thema zu sein. Denn ich lese immer öfter wie meiner auszusehen hat und kann dann einschätzen, ob ich eine „real woman“ bin. Manchmal soll er schlank aber sportlich sein, manch eine/r findet hingegen, dass nur richtige Kurven akzeptabel sind. Bei Männern darf es hin und wieder muskulös, aber nicht zu sehr sein. Wie sieht es da eigentlich mit Kurven aus? Diese rege Diskussion über den schönsten Körper wird durch Bildmaterial auf diversen Plattformen unterstrichen. Es bilden sich regelrechte Parteien, die andere Formen ablehnen und ihr eigenes Ideal propagieren. Selbstredend findet sich hier auch eine liberale Mitte, die sich nicht festlegen will und an die Schönheit jedes Körpers appelliert. Aber das ist schlichtweg gelogen. Es ist nicht jeder Körper schön. Denn diese Bewegung der Körperfokussierung resultiert eben erst aus der Unzufriedenheit so vieler Menschen mit ihrem Körper, der Diskussion darüber und der Definition der Öffentlichkeit von Schönheit. Dazu kann es keinen Konsens geben, so herrscht große Verwirrung und man verfällt in Verschwörungstheorien zum perfekten Körper.

Doch unsere Körper haben darauf gar keine Lust und würden vielleicht lieber an ihrem Vitaminmangel oder ihrer Fettschürze arbeiten, anstatt sich ständig fotografieren zu lassen. Möglicherweise wollen sie auch einfach nur ihren Alltag bestreiten, denn sie haben überraschender Weise wichtige Aufgaben, die erledigt werden müssen und möchten daher nicht ständig im Mittelpunkt stehen. Hin und wieder braucht der Körper ein wenig Zuwendung sowie jemanden, der ihm zuhört. Dann ist das auch alles nicht so kompliziert und schwierig wie es den Anschein hat. Wenn man so darüber nachdenkt, sehen Körper allgemein sehr seltsam aus und darüber könnte man auch einmal herzhaft lachen.

Daher fotografiere ich heute mal nicht meinen Bauch, sondern die Fliege in meinem Apfelstrudel.