„Anti sein“ reicht nicht

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Amerika ist nach diesem Wahlkampf, nach dieser überemotionalisierten Schlammschlacht, gespalten. Entgegen der Annahme Donald Trump würde von Hillary Clinton geschlagen werden, erreichte der Republikaner in der vergangenen Wahlnacht die notwendige Mehrheit. Wie jüngst nach dem Brexit macht sich heute eine Katerstimmung breit. Zwischen Fassungslosigkeit und Zynismus bedauert man die Wahl des Rassisten, der eine Mauer auf Kosten Mexikos ziehen lassen will. Ganz heimlich und doch so offensichtlich wird sich eine trump’sche Apokalypse gewünscht.
 
Viele glauben, dass sie ihre Anti-Trump-Haltung schon human macht, aber ist es doch so, dass den populistischen Forderungen des Donald Trump nur durch die Zustimmung seiner Gefolgschaft Gehör verschafft wurde. Das Gedankengut und seine Gefolgschaft waren schon vorhanden, bevor Trump es auf krude Art und Weise ausgesprochen hat. Nicht nur in Amerika sind politische und gesellschaftliche Dynamiken entstanden, die postfaktische und emotionalisierte Debatten salonfähig machen. Jeder ist ein Teil davon. Die Dummheit der anderen ist kein Freispruch von der eigenen Verantwortung. „Anti sein“ allein reicht nicht. Noch immer werden Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer Sexualität oder ihrer Herkunft diskriminiert. Tagtäglich, überall auf der Welt. Dass man dagegen ist oder es zumindest nicht gutheißt, ist eigentlich klar. Einen US-Präsidenten abzulehnen, der all die Ungerechtigkeiten in einer Person eint, ist auch klar. Doch ist es nicht damit getan, den Zeigefinger zu erheben, weil kurz die hässliche Fratze der Menschlichkeit zutage getreten ist. Die Welt geht nicht unter. Und vermutlich werden solche, die Trump aus einer rassistischer Motivation heraus gewählt haben, schwer enttäuscht sein.
Die Bundestagswahl nächstes Jahr wird ebenso spannend wie emotional. Jeder hat eine Stimme und das meine ich auch mit Bezug auf die Wählerstimme. Populisten können nicht nur ihr Gefolge verblenden, sondern auch ihre Gegner und das ist der Dung, auf dem Politiker wie Donald Trump entstehen und groß werden.

Wie wird der Krieg morgen?

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„Sag mal, weißt Du, wie der Krieg morgen wird? Ich wollte heute eventuell deine Wäsche waschen“, fragte Helen, während sie einen riesigen Wäschekorb hochhob. Ihr Oberkörper bog sich beachtlich nach hinten und der Wäschekorb drückte sich auf ihre Hüftknochen. Michael blickte nach ewigen Minuten auf und schaute ins Leere: „Hm?“. Helen holte tief Luft und versuchte es erneut: „Sag mal, weißt Du, wie der Krieg morgen wird? Ich wollte heute eventuell deine Wäsche waschen.“ Sie stellte den Wäschekorb einmal ab, massierte kurz ihre Hüftknochen und hob ihn dann schwungvoll wieder auf ihr Gerüst. Michael antwortete schnell: „Ne ne, lass das mal. Im Fernsehen haben sie gesagt, morgen soll es besonders blutig werden. Dann musst du ja übermorgen wieder alles waschen.“ Er stand auf, drehte das Licht der Stehlampe mehr in seine Richtung und setzte sich wieder an den Schreibtisch, um eine bunte Stadtkarte sorgfältig zusammenzufalten. Dem Schreibtisch fehlte ein Bein, stattdessen wurde die Tischplatte von einer Beinprothese gehalten. Michael hatte sie bei einer Beinprothesenauktion für einen mittelteuren Preis erworben. Eigentlich lagen genug kostenlos auf der Straße herum, doch die waren meist nicht einwandfrei und unhygienisch. Außerdem gab Michael gern Geld aus, wenn es möglich war.

Helen stellte den Wäschekorb vor ihr Bett, um sich daran zu erinnern, die Wäsche zu waschen, wenn sie beim Aufstehen darüber stolpern würde. „Dann gehe ich jetzt einkaufen“, rief sie Michael zu und nahm einen Stoffbeutel sowie eine Waffe von dem Haken neben der Tür. Michael rief: „Ist gut, dann mache ich mich jetzt zur Arbeit“, zurück. Auf dem Weg nach unten, musste Helen über ein paar Nachbarn steigen, denn offenbar hatte man sich im Flur zu einem Mittagessen zusammengefunden. Es roch nach frisch gekochten Sojabohnen. Helen schnupperte hungrig in die Luft und legte einen Schritt zu. Ihre 1-Zimmerwohnung lag genau über einem Restaurant, das sie hin und wieder besuchten. Um von der Haustreppe zur Haustür zu gelangen, musste man normalerweise im Zickzack-Schritt durch die im Restaurant essenden Menschen gehen. Oft genug kam Michael mit gekochten Sojabohnen im Schuh oben an, die er dann in einem Sieb wusch und in einer Schüssel auf der Fensterbank sammelte. Heute war jedoch kein einziger Gast im Restaurant und der Inhaber lief fluchend vor dem Fenster hin und her, offenbar bemüht, das Telefon in sein Ohr einzuführen. Helen klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter: „Schon wieder ein Kochtopf geklaut?“. Sie schlenderte weiter. Auf der Straße war buntes Treiben und Helen hatte Gefallen daran, die spielenden Kinder zu beobachten. Sie hätte gern die Namen gekannt, um ihnen viel Spaß zu wünschen. Aber das wäre ganz und gar sinnlos, denn sie wechselten täglich ihr Gesicht. Die Zeit war zu kurzlebig für Namen. Helen blickte in die Weiten der Stadt. Gegenüber von ihrer Wohnung hatte einst eine andere Häuserreihe gestanden, aber diese war vor einigen Wochen durch die Druckwelle einer Bombe eingestürzt. Nun konnten Michael und Helen von ihrem Fenster aus sehen, wenn etwas Neues in der Stadt geschah.

Der Weg zum Marktstand war lang, da dieser jeden Tag an einem anderen Standort war und man ihn suchen musste. Das war notwendig, weil die Plünderungen in der Stadt zugenommen hatten und jeder Laden mit festem Standort Bankrott gegangen oder kurz davor war. Helen liebte es, in der Stadt spazieren zu gehen, daher machte es ihr nichts aus. Besonders gut gefielen ihr die neuen Formen der eingestürzten Gebäude, in denen sie Figuren und Gesichter zu erkennen glaubte. Da sie keine Kamera besaß, versuchte sie sich alles einzuprägen, um irgendwann mal jemandem davon erzählen zu können. Die Frage einer Frau riss Helen aus ihrem entzückten Blick: „Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein Taschentuch für mich?“ Ihr lief etwas Blut am Bein herunter. Helen holte die Waffe aus dem Beutel und gab ihr das Stück Stoff. „Vielen Dank“, sagte die Frau freundlich und ging weiter. Helen war froh, dass sie heute erfreulich wenig angefasst wurde. Die sich im Stoffbeutel abzeichnende Waffe zeigte Wirkung. „Eine gute Investition!“, dachte Helen bei sich. So konnte sie sich vor lästigen Vergewaltigungen schützen, die ihr sonst immer wertvolle Zeit geraubt hatten. So ging sie also leichten Schrittes durch enge Gassen und gedrängte Menschenmengen. Sie war mittlerweile schon so lang gegangen, dass sie den Grund ihres Ausfluges fast vergessen hätte, als sie endlich Frauen und Kinder mit gefüllten Stoffbeuteln erblickte. Der Marktstand befand sich am Ende einer Sackgasse, die an amerikanische Gangsterfilme erinnerte. Nur dass sich am Ende kein Müllcontainer, sondern ein Verkäufer, der die Zurufe seiner Kundschaft zu erfüllen versuchte, befand. Einige Kinder und junge Erwachsene lehnten an der Hauswand und aßen freudig aus ihren Beuteln. Sie hielten große saftige Äpfel in ihren Händen und das gierig-frohe Leuchten ihrer Augen, wenn sie ihn vor dem Biss stolz in den Händen drehten, ließ Helens Herz aufleuchten. Sie stellte sich in die Reihe hinter einen kleinen Jungen, der ungeduldig auf der Stelle trat. Er schaute besorgt zu Helen hinauf und fragte: „Werde ich auch einen Apfel bekommen?“ Sie wollte gerade antworten, dass wenn es irgendeine Gerechtigkeit in dieser Stadt gäbe, er ganz bestimmt einen Apfel bekommen würde, als ein regelmäßiges Trappeln lauter wurde. Die Köpfe streckten sich abwechselnd, um einen Blick erhaschen zu können. Die Getarnten marschierten mit wichtigem Blick und gekräuselter Stirn dicht gefolgt von einer Marschkapelle an der Gasse vorbei. Es ertönte feierliche Musik und die Arme der Menschen wurden wie automatisiert in die Höhe geworfen. Die Kinder schrien vor Freude und liefen den Getarnten hinterher, um sie mit Glück einmal berühren zu dürfen. Helen schwelgte, die Musik gab Hoffnung, die stählernen Arme symbolisierten Kraft. Neben ihr fielen reihenweise Frauen vor Bewunderung in Ohnmacht. Sie empfand tiefe Liebe für dieses Szenario, das den Menschen so viel gab. Ein Getarnter bog in die Gasse ein, umarmte einige Kinder und verbeugte sich vor dem Verkäufer des Marktstandes. Er ließ sich seinen riesigen Stoffbeutel mit Äpfeln füllen, verbeugte sich erneut und reihte sich wieder in die Kolonne ein. „Einmal winken!“, rief jemand an der Front und alle Getarnten drehten sich zur Menschenmenge, lachten herzlich und winkten zur Melodie.

Als die Musik in der Ferne verstummt war, begaben sich die Menschen schniefend wieder an ihren Platz. Helen blieb glückselig zurück und schaute sich nach dem kleinen Jungen um. Sie schaute in jeder Ecke, hinter den Menschen und unter Röcken, doch sie konnte ihn nirgends finden. Schließlich entdeckte sie den Jungen inmitten einer Traube von Kindern, er lag unbeweglich auf dem Boden, sein Mund war blass und ein wenig geöffnet. Die Kinder liefen um ihn herum und drückten mit ihren kleinen Fingern in seine schlaffe Backe. Helen schluckte und betrachtete das schöne Kind einen Moment lang. Es war als hätte die Zeit einen kleinen Sprung nach hinten gemacht. Dann klatschte sie einmal in ihre Hände, um Zuständige zu informieren. Es war nicht davon auszugehen, dass er einen Apfel bekommen hatte, geschweige denn, dass er jemals einen bekommen hatte. Helen ärgerte sich, dass sie mal wieder von Emotionen übermannt worden war und eine Gefühlsregung für dieses kleine Wesen verspürt hatte. „Mit Sentimentalitäten gewinnt man keinen Krieg“, hallten Michaels Worte durch Helens Kopf, doch sie vergaß das in den unpassendsten Momenten. Ein wenig missmutig ihrer Unzulänglichkeiten wegen und ohne Äpfel trat sie den Heimweg an. Nun war jedoch keine Zeit mehr für Schlendereien, da es heftig zu bomben begann und die Menschen bemüht waren, nicht in einen Hagel zu geraten. Helen lief dicht an den Häuserreihen vorbei und der kleine Beutel voll Sojabohnen raschelte dabei aufgeregt hin und her. Sie kam gerade rechtzeitig in der Wohnung an, denn draußen herrschte bereits ein Chaos. Menschen liefen durcheinander, der Blick wurde durch weißen Staub in der Luft getrübt und es stank fürchterlich. Die Wohnungstür stand offen und Helen lugte erst einmal durch den Türspalt, um sich zu versichern, dass niemand Fremdes sich Zutritt verschafft hatte. Michael trat hinter sie und lugte ebenfalls hinein. Als alle überzeugt schienen, ging man rein. Es schien alles wie zuvor, außer dass sich ein kreisrundes Loch in der Wand befand. Der weiße Staub und der Lärm von der Straße drangen ein und hinten begann jemand zu husten. Michael drehte sich erfreut um und verkündete feierlich: „Sehen Sie, der Krieg ist unberechenbar und steckt voller Überraschungen. Niemand weiß, was morgen passieren wird. Seize the day! Carpe diem! Sie sagen es, wir leben es.“ Durch die Reisegruppe drang ein Raunen, erstaunte Gesichter nickten sich gegenseitig zu, einer klatschte begeistert: „Weiter, weiter, mehr, mehr!“ Michael schaute zufrieden in die Runde und sagte: „Damit haben Sie heute alles gesehen, was zum Alltag des Krieges gehört. Zum Abschluss werden wir mit den heute erworbenen Sojabohnen ein typisches Abendessen für Sie arrangieren. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen und Sie buchen das nächste Mal wieder bei „War Tours“. Michael verbeugte sich und erntete Applaus.

Helen lächelte müde und setzte sich auf die Fensterbank, um die Sojabohnen zu waschen. Dabei vermischte sich langsam das hecktische Treiben auf der Straße mit ihren Tagträumen von spielenden Kindern, womit sie sicher einschlief.

Komfortzone verlassen

Lange Zeit hatte man als Bürger eines Landes in Europa das Gefühl, niemand könne uns etwas anhaben. Wir lebten in einer Sicherheitsblase, die über all den Grausamkeiten dieser Welt schwebt und zuschaut, nicht fähig, Einfluss zu nehmen. Das ist einerseits tragisch, andererseits haben wir uns in der Komfortzone sehr wohl gefühlt. Es war gar nicht notwendig, besonders politisch zu sein, weil ja alles im Lot war. Natürlich hat man sich hin und wieder über zu hohe Steuern oder Mängel in der Bildung beschwert, aber im Großen und Ganzen schien Europa die Sonne aus dem Arsch. Bilder von hungernden Kindern haben uns bewegt, aber genau so wie der Tod des Nachbarhundes. Im Nachhinein scheint mir das einstige Europa wie eine dieser Vorstadtserien, mit perfekt gestutzten Hecken und fröhlichen Familien, während im Untergrund Mord und Totschlag herrscht.

Die rosigen Zeiten sind nun vorbei, es ist Bewegung reingekommen. Die Welt dreiteilen zu wollen, funktioniert nicht mehr. Die Mauer zwischen erster und dritter Welt ist gefallen, die Blase geplatzt. Fast täglich erreichen uns Schreckensnachrichten in und um Europa. Jüngst Terroranschläge in Istanbul, Bangladesh, Bagdad, im Libanon, Jemen, in Orlando, Nizza, gleichzeitig ertrinken Flüchtlinge im Mittelmeer, Großbritannien verlässt die EU und innere Konflikte zwischen den Extremen schwächen den Einheitsgedanken. Und weiter hungern und dursten Menschen in Afrika, Textilfabriken stürzen ein, Bürgerkriege fordern unschuldige Menschenleben. Da habe ich ein schlechtes Gewissen meine westlichen Privilegien  “einfach weiterzuleben”, “mich meiner Freiheit nicht berauben zu lassen”. Es ist purer Zufall, in welchem Land man geboren wird. Es ist pures Glück, dass ich in Deutschland geboren wurde. Ich habe nicht mehr Anspruch auf Frieden als jeder andere Mensch auf dieser Welt.

Es ist naiv zu glauben, dass Grenzen uns von den Grausamkeiten der Welt abschirmen würden oder präventiv abgeschirmt hätten. Denn auch wir sind Teiltäter und haben zu der Kausalkette beigetragen. Es scheint, dass Einzelne nichts ausrichten können, weil “die Menschen” nun mal so sind. Aber irgendwie kennt nie jemand solch grausame Menschen persönlich. Die Dinge, die auf der Welt passieren, sind nicht zufällig oder aus Versehen, es sind Ergebnisse oder Teile von Kausalketten, zu denen jeder von uns ein wenig beigetragen hat. Und deswegen sind wir ein Teil. Ein Teil vom Ganzen. Es ist unmöglich, sich zu entziehen und in einer Blase weiterleben zu wollen. Das ist Utopie, das ist realitätsfern. Es ist Zeit, umzudenken, falls das nicht schon längst geschehen ist.

Der Mensch stellt sich immer als so mächtig dar, aber wenn es darum geht, etwas zu ändern, sich aus seiner Komfortzone zu bewegen, dann ist plötzlich alles aussichtslos. Wieso stellen wir keine Fragen, wenn wir nichts verstehen?

Krieg für immer

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Wir lernen
Dinge zu wiederholen
die man uns gelehrt hat
zu lernen
dabei erscheint es
immer wieder neu
wie wir wiederholen
zu lernen
dass die Welt so
und nicht anders
funktioniert
und sich dreht
immer in die gleiche Richtung
dreht
egal, was wir tun, was wir sagen

Es war und ist und wird
keine Überraschung sein
dass die Welt eines ist
und nicht deine und meine
Suppe
die jeder für sich
auslöffeln muss

Grenzen erwecken den Eindruck
von Sicherheit
vor einer fremden Gefahr
die gebannt werden muss
um die eigene Welt zu schützen
eine Idee von vor unserer Zeit
vor Fortschritt und Innovation
einer Welt voller Hirngespinste
so scheint es
wie von gestern zu wirken
doch sie sind zeitgemäß

Wir sind verbunden
zu kriegen, zu hassen
einem Hirngespinst zuliebe
Hass zu säen und zu ernten
schon immer, für immer
solange deine Welt
nicht die meine ist

Der schlechteste Erzähler der Welt

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Schon mal auf Thunfischsaft ausgerutscht? Ich arbeite viel, so viel, dass ich regelmäßig in Tränen ausbreche, vor Wut, Trauer und Hunger. Diese Woche war wieder besonders ermüdend und langweilig. Das raubt mir jegliche Fantasie, in allen Bereichen. Fragen mich Bekannte nach Kindernamen, sage ich grundsätzlich Horst, egal, ob Junge oder Mädchen. Horst ist universal und vor allem fragt mich danach nie wieder jemand. Ich hasse Kinder, mit denen kann man wirklich keine ordentliche Unterhaltung führen. Beim Kochen werde ich auch furchtbar unkreativ. Moment, ich muss mal eben nach der Pizza schauen, das ist meine letzte.

Wo war ich? In jeder Thunfischdose ist auch ein bisschen Delfin mit drin, 40%, hab ich gelesen. Also hab ich gleich eine Thelfinpizza oder so. Eigentlich könnte man das auch charmant vermarkten: “Thelfin: Thunfisch küsst Delfin.” Gab’s so noch nicht, glaube ich. Diese Werbeleute sind doch so euphemistisch unterwegs und die Journalisten eh. Wäre doch super grausam, ich meine, die armen Delfine. Thunfische sind egal, weil nicht süüß. Jeder, der nicht süüß ist, darf geschlachtet und filetiert werden. Ich finde Angela Merkel ganz und gar nicht süüß. Aber auch allgemein die CDU nicht. Christlich, wer ist denn schon noch christlich? Das ist total unmodern. Ob meine Pizza wohl bald fertig ist, langsam werde ich wütend.

Ich esse die jetzt einfach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ups, voll eingenickt! Ich hatte aber einen abgefahrenen Verdauungstraum, den muss ich noch kurz erzählen. Irgendwo in Australien, ich kenne nur Sydney, habe ich wie wild Fotos von einem Sonnenuntergang gemacht, als wäre ich gerade frisch gebackener Abiturient. Und dann war da noch so ein Gorilla an einer Lichtung, das war im Dschungel. Ich weiß nur gerade nicht, was das miteinander zu tun hatte. Ähm, vor dem Gorilla hatte ich auf jeden Fall richtig Angst und bin halt logischerweise weggelaufen. Aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr wegzulaufen und wollte ihn verscheuchen, in dem ich eine Banane in die entgegengesetzte Richtung geworfen habe. Der Gorilla hat mich nur irritiert angesehen und fragte: “Was soll das denn jetzt, ich bin bananointolerant!” Es stellte sich heraus, dass er Backpacker war und mich nur zum Tango auffordern wollte. Er reichte mir seine Klaue und sagte, dass Tango eine erlaubte Umarmung mit Unbekannten sei. Dem konnte ich natürlich nicht widerstehen. Hatschi …  hatschi … hatschi. Ich niese immer genau drei Mal. Auf jeden Fall tanzte ich den Rest der Nacht Tango mit dem Gorilla. Er schwelgte in der Nostalgie, der Musik die aus dem Plattenspieler ertönte.

So, nun zurück zur eigentlichen Geschichte. Jury hatte also ein Delfintrauma. Wer Jury ist, muss ich nicht erzählen. Jury ist ein Allerweltscharakter, wenn man ihn nicht kennt, sollte man sich lieber gleich erlegen oder ihn einfach googlen. Ich glaube, Jury war etwa sechs Jahre alt, als er das erste Mal seinen Fuß in irische Gewässer tunkte. Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich später herausstellte. Aber erst mal zu seinem Werdegang. Er hatte 3,5 Beziehungen, einmal mit einem Mann, aber das war nur eine halbe Beziehung, weil ja ein entscheidender Teil fehlte, nämlich die Frau. Die Frauen hießen Fanny, Helen und der letzte Name ist mir gerade entfallen. Vermutlich war es ein besonders femininer Name wie Claire. Der Mann hieß Bert und ist bis heute an Jurys Seite. Bestimmt schreit jetzt jemand wie ein Brüllaffe los: “ICH FIND DAS VOLL OK, DASS JURY SCHWUL IST!” Danke für Deine primitive Meinung, gehe bitte sterben! Ich bin sowieso für eine erhöhte Sterbe- und eine geringere Geburtenrate. Es gibt einfach zu viele Arschlöcher. Ich wäre lieber ganz allein auf dieser Welt mit meinem von Konservierungsstoffen aufgeblähten Bauch. Dann würde ich auch nicht mehr furzen. Furzen ist ein so hässliches Wort, ich würde es pusten oder schweben nennen. Ich muss mal eben schweben. Oh, wie schön.

Ich muss mal kurz das Fenster aufmachen. Die Amsel dort hinten sitzt immer dort, glotzt starr in meine Richtung und stößt seltsame Kreischlaute aus. Ich glaube, sie möchte meine Eier begatten. Das erinnert mich an eine Frau, die mal bei mir zu Besuch war. Wir hatten uns im Supermarkt kennengelernt: “Hey, bist Du nicht Laura? Nein, Kim. Hallo Kim, du siehst aus wie eine Laura. Dann nenne mich doch Laura. Was ist mit Kaura? Ok. Lust auf Wassermelone, Kaura?” Am darauffolgenden Wochenende besuchte Kaura mich in meiner 1-Zimmerwohnung, vielleicht gilt sie auch faktisch wegen des Ankleidezimmers als 2-Zimmerwohnung. Wir saßen am Fenster, uns lief der Saft von Wassermelone am Kinn hinunter und Kaura spuckte die Kerne in ihre klebrige Hand. Jetzt wird mir doch etwas kalt und der Spatz bringt mich um den Verstand.

So, Jury war also homosexuell, was völlig unerheblich für die Geschichte ist. Denn das traumatische Erlebnis ereignete sich bereits, als Jury etwa sieben Jahre alt war. Aber zunächst zu seiner Kindheit. Jury war in Irland geboren, entweder an der Westküste oder doch in England, und lebte dort bis er umzog.  Er genoss eine normale bis konservative Erziehung, evangelisch, wenn mich nicht alles täuscht. Seine Eltern schlugen ihn nur manchmal und seine sexuelle Identität begann ihn erst mit Anfang Zwölf zu verwirren. Ganz sicher bin ich mir dessen nicht, ich hab ihn ja nie getroffen und es aus seinem Mund gehört. Ich treffe selten einfach so Menschen, die mir aus ihrem Leben erzählen. Und wenn es mal so gewesen wäre, habe ich in dem Moment wohl nicht zugehört. Ich kann nämlich nicht zuhören, daher hat es auch mit Kaura nicht geklappt. Es war viel schöner, wie ihr der Saft am Mund hinuntergelaufen ist, als ihre gesprochenen Worte. Vermutlich hatte sie von Kants Weltbürgertum geschwärmt oder von dem Fahrradreifen, der vor ihrem Fenster im Baum hing, berichtet. Aber mit Gewissheit kann ich es nicht sagen. Unsere triefende Liaison scheiterte also, weil ich nicht wusste, wo sie hingegangen war. Eines Tages war ihre Wohnung leer und die Fenster offen. Ich hätte ihr zuhören sollen, dann wüsste ich jetzt, wo sie wohnt. Möglicherweise hätte ich mit ihr kommen können und wir würden uns jeden Tag auf Madagaskar in unserer Rum-Produktion besaufen. Mal würde sie aus meinem Bauchnabel trinken, mal ich bei ihr. Ich bin mir sicher, dass sie nach Madagaskar gegangen war, das passt irgendwie. Ihr etwas zu sehr alternativ gebundener Dutt, ihre schönen, aber kräftigen Hände, die gut zum Buddeln geeignet gewesen wären, und der leicht gespitzte Mund, als wäre er zum Französisch sprechen gewachsen. Ach, im Grunde war es nur irgendeine Frau aus dem Supermarkt, der ich einen neuen Namen gegeben hatte. Eigentlich konnte ich sie nicht mal richtig ausstehen. Ich sollte nicht melancholisch werden, das steht mir nicht. Wenn eine androgyne Mittzwanzigerin mit Zigarette und Oversize-Shirt auf dem ungemachten Bett sitzt und melancholisch aus dem Fenster schaut, ist das cool, modern, es ist so sexy. Eben dieses Szenario mit mir und man  möchte den Raum von negativen Schwingungen reinigen und mir einen „Du schaffst das“-Flyer zuwerfen. Apropos Zigarette, ich rauche mal eben eine. Ich drehe selbst, aber nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil ich gerne Dinge drehe. Wenn ich das erste Mal in einer fremden Wohnung bin, drehe ich Figuren, Bilder oder im Rollstuhl sitzende Rentner heimlich um. Viele Leute wissen nicht mal, wie rum ihre Sachen standen und sind dann furchtbar verwirrt, weil ihre Erinnerung an die Richtung der Dinge verschwommen ist. Dieser Blick ist unbezahlbar, versucht das mal.

Nun, Jury raucht nicht, aber das ist nicht Teil der Erzählung. Jury mochte es im Meer zu schwimmen, wenn ihm das salzige Wasser die Nase freispülte und er sich die Algen aus der Unterhose ziehen musste. Er hatte mit vier Jahren begonnen zu schwimmen und mit sechs Jahren aufgehört. Denn dann ereignete sich ein traumatisches Erlebnis, das es ihm fortan unmöglich machte, unbefangen im Meer zu schwimmen. Ich hatte bereits von Delfinen erzählt. Ich halte nicht viel von Delfinen. Erst mal vergewaltigen die sich gegenseitig, indem sie ihren Penis in das Luftloch eines anderen stecken und dann eben diese Geschichte mit Jury, von der ich gleich erzählen werde. Also Jury war gerade sieben Jahre alt geworden und wollte den Tag an seinem liebsten Ort verbringen. Warte, mein Blick schweift gerade zur Uhr. Es ist schon ein Uhr. Ich weiß, die Geschichte. Aber morgen muss ich halt  wieder früh raus, ich erzähl es einfach schnell, ok? Also Jury ist im Atlantik, glaub ich, schwimmen gegangen und da gibt es so richtige Killerdelfine. Ich sag ja, ich halte nichts von Delfinen. Auf jeden Fall kam der Delfin zu dem kleinen Jury und täuschte vor, mit ihm spielen zu wollen. Und weil Delfine ja immer romantisiert werden, ist Jury zu ihm geschwommen. Der Delfin nahm ihn auf die Schnauze und drückte ihn auf das Meer hinaus. Als sie außer Sichtweite waren, begann der Delfin Jury unter Wasser zu drücken.  Glücklicherweise hatte Jury eine Schwimmbrille auf, sodass er es irgendwie schaffte den Delfin von sich zu drücken und irgendwann gerettet wurde.

Uahh, so oder so ähnlich hat sich die Geschichte zugetragen. Mit Gewissheit kann ich das nicht sagen, da es eine erzählte Erzählung ist, die ich von einem Iren auf meiner Reise in Australien erzählt bekommen habe.  Er sprach sehr schlechtes Englisch und eigentlich habe ich ihm auch gar nicht zugehört.

Hipster, Terrorist

Mein Projekt

Nichts ahnend, aber wohl wissend war Konstantin heute Morgen mit seinem Rad dritter Klasse zum Berliner Alexanderplatz gefahren, hatte sich für 3,60 Euro einen veganen Bagel gekauft und um 11.23 Uhr einundfünfzig Menschen, darunter zwei Babys, mit in den Tod gerissen.

Nun war er im Himmel oder in der Hölle, das ist Auslegungssache. Wenn man es genau nimmt, und Konstantin hatte gern Sachen genau genommen, war er, wie ihn seine Freunde gekannt haben, fort. Seine sterblichen Überreste klebten nun samt des Bagels, der jetzt keinesfall mehr vegan war, auf dem Asphalt. Da gab es keinen Helden, keinen Versager, keinen Menschen. Konstantin hatte sich entschieden, kein Mensch mehr sein zu wollen. Die Gründe dafür suchte man in seiner Kindheit. Man berichtete, dass er mit 7 Jahren mal eine Katze lasziv angesehen habe. Freunde, Bekannte und weniger Bekannte erinnerten an Konstantins mürrischen Blick, wenn ihm jemand neckisch ins Gesicht geschlagen hatte. Er war immer erfolgreich gewesen. Dabei hatte sich sein Erfolg an der Wertigkeit gemessen. Seine Drehbücher, er hatte Drehbücher geschrieben, wurden niemals verfilmt, aber sie sind gut gewesen, geradezu genial. Konstantin hatte gemeint, dass Menschen dem allgemeinen Irrtum unterlägen, Erfolg müsse sichtbar sein. Die bloße Existenz von Genialität sei kein Erfolg, wenn man es nicht mit Zahlen, Ziffern und Nummern, schließlich Knete bemessen könne. Warum, hatte er sich weiter gefragt, sollte man solch eine Intimität teilen wollen. Konstantin hatte seine Genialität nicht teilen wollen, er hatte nie etwas teilen wollen. Und wenn jemand etwas mit ihm hatte teilen wollen, hatte er stets dankend abgelehnt, um nicht die Intimität anderer zu betreten. Es wäre ihm falsch vorgekommen.

All das blieb der trauernden Öffentlichkeit verborgen. Denn als Konstantins Körper zerfetzt wurde, dieser Moment, änderte alles. Nicht nur, dass ein Organismus von Viren befallen wurde und ein Teil zerstört, auch, dass Konstantin fortan kein Mensch mehr war. Das meint man nicht, weil er nicht mehr lebte, sondern weil er sein Menschsein verspielt hatte. Er war nun Terrorist.

Noch einige Sekunden bevor er seine Bombensohlen durch absichtliches Stolpern entzündet hatte, war einer nun jenseitigen Frau Konstantins fein zu recht gestutzter Bart positiv aufgefallen und sie hatte gerade lächeln wollen. Konstantin hätte zurück gelächelt, wenn er noch unter den Lebenden weilen würde. Er hatte Frauen gemocht, vor allem Frauen, die ihm zulächelten. Das hatte er immer nett gefunden und Nettigkeiten sind es wert, das man nett mit ihnen umgeht, hätte Konstantin gedacht. Wenn er noch Mensch und nicht Terrorist gewesen wäre.

Ich hasse Hass

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Am 13. März 2016 stieß ich ein dumpfes Stöhnen aus, als habe mir jemand pietätlos in die Seite geschlagen. Eine politische Partei, welche Abtreibung, das EEG und Emanzipation nicht gutheißt und noch dazu eine Plattform für Hass, Neid und Angst bietet, hat bei den Landtagswahlen in allen drei Bundesländern zweistellige Wahlergebnisse erzielt. Es war ein Schock, kein unvorhersehbarer Schock, aber doch ein kleiner Stich in mein aufgeklärtes Herz, dachte ich. Dabei hatte ich gar nicht bemerkt, wie sich mein Herz bereits Stück für Stück mit etwas Hass gefüllt hatte. In den Tagen nach den Wahlen schaute ich schon fast verbissen eine politische Talkshow nach der anderen, um meinen Hass zu schüren, gegenüber einer antidemokratischen Partei und ihren Anhängern. Man könnte sagen, es sei gerechtfertigt, eben diese zu denunzieren, weil sie unsere Demokratie und Werte, die teilweise über Jahrzehnte hart erkämpft wurden, in Frage stellen, wenn nicht sogar vernichten wollen. Und viele fragen sich, warum man den Menschen, die nicht über die geistigen Fähigkeiten verfügen, solch eine Partei als falsch und manipulativ zu entlarven, mit Respekt begegnen sollte. Manche denken auch, dass ein Diskurs mit den Alternativen (fD) nicht möglich sei, da diese ungebildet, dumm, geradezu nicht überlebensfähig seien. Ich habe all das auch so empfunden, mich als Mensch über andere Menschen gestellt.

Da wurde es mir langsam bewusst.

Ich bin keinen Deut besser als all die Halb-Rassisten dort draußen, tatsächlich muss ich unter Bestürzung sagen, dass wir uns ziemlich ähnlich sind. In meinem Umfeld hat niemand Angst vor flüchtenden Menschen oder Mainstream-Medien, keiner meiner Facebook-Freunde hat die AfD-Seite oder die von Petry, von von Storch oder Höcke geliked. Wenn ich mich mit Freunden unterhalte, sind wir so ziemlich einer Meinung, dort fühle ich mich verstanden: „Wir“ hassen die AfD und ihre dümmlichen Anhänger. Es ist ein Gefühl der Stärke, der vielleicht geistigen Überlegenheit, denn um mich herum gibt es solche Leute nicht. Ich entdecke sie nur hinter zwielichtigen Facebook-Kommentaren oder unter #merkelmussweg. Und diese Informationen nehme ich zwar auf, aber durch mein bereits gefestigtes Meinungsbild hefte ich sie unter „Gründe, warum ihr scheiße seid“ ab. Die Anderen, das gängige Feindbild. Sie haben es von uns und wir haben es von ihnen. Wir sind keine Schneeflocken, sondern alle Opfer von unserem Hass. Und die AfD profitiert, von gespaltenen Lagern, von unserer Angst. Die Anderen haben xenophobetische Krämpfe und ich leide unter historischen Déjà-Vus voll bräunlichen Nebels. Ich fühle mich in meiner Angst bestätigt und die Anderen auch, ja weil man sie nicht ausreden lässt, während wir noch am Ausreden sind. Ihr seht vielleicht, dass das ein Teufelskreis ist.

Wir sind nicht das Volk, wir sind alle Menschen, die sich aus verschiedensten Gründen in ihrem Hass verheddert haben und der AfD damit abwechselnd ins Fäustchen lachen. Blind vor Hass vergessen sie, das sporadische Parteiprogramm zu lesen und ich vergesse, den „besorgten Bürger“ zu fragen, was denn jetzt genau seine Sorgen sind, weil er braune Kleidung trägt. Wir müssen aufhören in Gruppen zu denken, zu stigmatisieren. Ich bin keine linke Zecke, weil ich Flüchtlinge willkommen heiße, ihnen helfen möchte und AfD-Wähler sind nicht gleich Nazis.

In den Interviews von AfD-Demonstrationen sehe ich vor allem eines: verzweifelte Menschen. Eine Frau mit bunter Mütze erzählt von ihrer Tochter, die man in der Schule moppte und niemand etwas getan habe. Die Presse habe massiv gegen Langzeitarbeitslose gehetzt, klagt ein älterer Herr, er habe ein gewaltiges Problem damit, wenn man Leute wie ihn in die Altersarmut treibe, aber die Flüchtlinge hier in das Land holen würde. Dass viele der Menschen einfach nicht informiert sind und einen Sündenbock für ihr Elend suchen, ist ein altbekanntes Problem. Doch, was bringt es, sich nun über diese Menschen auszulassen, ihre Dummheit zu diffamieren? Sie sind verzweifelt auf der Suche nach einem Zuhörer, einem Unterstützer, jemandem, der ihnen sagt, dass alles gut wird. Für sie ist die AfD das Seelsorgetelefon für die alltäglichen Probleme. Ich schätze, dass die meisten nicht mal einem Flüchtling begegnet sind, sondern es dem farbigen Mann mit dem IPhone in der Bahn nur unterstellt haben.

Zu verharmlosen gibt es nichts, aber wenn man wirklich die Nazi-Analogie heranziehen möchte, soll gesagt sein, dass die wenigsten NSDAP-Wähler sich einen Holocaust oder den totalen Krieg gewünscht haben. Der Großteil war aufgrund der Weltwirtschaftskrise oder den Defiziten der Weimarer Republik einfach unzufrieden und die NSDAP hat Antworten geliefert und ihnen eine rosige Zukunft gemalt. Was letztlich aus den Versprechungen geworden ist, ist ein Schandfleck in der deutschen Geschichte und es muss alles getan werden, dass so etwas nie wieder passiert. Ich sehe den Weg allerdings nicht in der Bekämpfung von Hass durch Hass, sondern im gesellschaftlichen Dialog.

Menschen sind keine programmierten Maschinen, keine leeren Hüllen mit Fleisch, Fasern und Knochen gefüllt und sie sind keine andächtigen Schneeflocken. Emotionen eröffnen uns ein Repertoire an unendlichen Farben, in denen wir die Welt betrachten können. So gehören schwarz und weiß genauso in unsere Wahrnehmung wie rosarot und froschgrün.

Verpasst

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Meine Generation hat so viel Angst zu verpassen, den Augenblick zu verleben, an Orten zu verkleben. Dinge scheinen nur existent, wenn sie dokumentiert und geteilt werden. Reaktion wird zum Indikator für Schönheit. Denn ist sie still, so ist sie nicht relevant und versinkt in all den lauten Schönheiten.

Ich hatte mal einen sehr farbenreichen, verworrenen Traum. Dort war ich an einem Ort, der so aussah wie ich mir Australien vorstellen würde, wenn ich eine Vorstellung von Australien hätte. Während eines Sonnenuntergangs stand ich am Strand und betrachtete die Skyline einer sich am Horizont abzeichnenden, australischen Stadt. Die Farben des Sonnenuntergangs waren nicht wie gewohnt in warme Rottöne gefasst, sondern die Mitte des Himmels war durch eine vertikale, fließende Linie geteilt. Eine Seite zeigte die düstere Nacht und auf der anderen Seite war sonniger Tag. Ich betrachtete diesen wundersamen Moment nicht, wie man solche betrachten sollte, nicht voller Hingabe den Augenblick aufsaugend. Denn ich schaute durch einen Bildschirm auf die Wirklichkeit und eine Spiegelung der Wirklichkeit ist nicht wirklich. Wie wild fotografierte ich das Szenario und sprang wie ein Zirkusäffchen am Strand entlang, um den perfekten Augenblick einzufangen. Als die Dunkelheit ihren Mantel über die Welt gelegt hatte, wollte ich voller Freude meine zahlreichen Bilder betrachten.

Aber dann musste ich siedend heiß feststellen, dass sich keine einzige Aufnahme von dem Sonnenuntergang im Speicher befand, lediglich Selfies, von mir, den Sonnenuntergang fotografierend.

Geteilte Meinungen

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Es gibt einen neuen Trend in der Meinungsäußerung. Man kann alles behaupten, ob fundiert oder nicht, und muss sich nun nicht mehr auf eine lästige Debatte einlassen, sondern kann „seine Meinung“ einfach so stehen lassen. Denn es herrscht Meinungsfreiheit und wie das Wort schon sagt, ist jede Meinung frei und kann wie ein Vögelchen vor jeglicher Rechtfertigung davonfliegen. Auf Fakten basierende Diskussionen sind längst aus der Mode und es wird nur so mit Meinungen um sich geschmissen. Auf der einen Seite wird behauptet, Weizen sei schlecht für die Haut und auf anderer, flüchtende Menschen seien Schmarotzer. Beides kann sicher durch persönliche Erfahrung belegt und somit als freie Meinungsäußerung bewertet werden, aber es gibt doch einen klitzekleinen Unterschied. Der Artikel 5 des Grundgesetzes sagt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“ An dieser Stelle fühlt sich jeder Meinende bestätigt und in seinem Recht, doch einige vergessen dann einfach weiterzulesen und ich wage zu behaupten, dass ihnen das nicht zum ersten Mal passierte. Denn weiter heißt es, dass „diese Rechte ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre finden.“ Man könnte nun recherchieren, was es mit dem Recht der persönlichen Ehre auf sich hat, aber da sind die nicht weiterlesenden Meinenden schon vor einem Flüchtlingsbus und brüllen ihre Parolen in das Gesicht traumatisierter Kinder. Die sogenannte Schmähkritik ist nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt und bezeichnet eine Kritikform, „bei der nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht.“ Man sollte also nicht auch noch das Grundgesetze zu seinem Vorteil auslegen und glauben, sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit alles erlauben zu dürfen. Und denjenigen, die die Meinung nicht weiterlesenden Meinenden fraglos übernehmen, da sie gerne was zum Meinen hätten, soll gesagt sein, dass eine falsche, aber geteilte Meinung niemals richtiger, sondern immer falscher wird. Wenn eine Meinung mit Fakten widerlegt wird, dann ist es eine Meinung, die verworfen werden kann, weil sie falsch ist. Denn Widerlegung ist kein Zuspruch, sondern das Aufdecken von Unwahrheiten.

Von manchen Themen gibt es in dem aufgeklärten, demokratischen Deutschland keine zwei Meinungen. So würde niemand Sklaverei in der klassischen Definition befürworten und es öffentlich kundgeben, da es rechtlich und moralisch nicht mehr vertretbar ist. Doch das ist auch ein ausgelutschter Drops und ganz anders sieht es da bei aktuellen Themen aus. Vor Kurzem debattierte ich mit einer Astrid über die Rolle der Frau in einer Beziehung zu einem Mann und in der Gesellschaft. Das ist durchaus interessant, doch als Astrid sagte, dass Emanzipation etwas sei, das nicht jeder Frau gefiele, musste ich die Diskussion beenden. Denn Emanzipation, also die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung einer Frau oder auch eines Mannes, ist kein Thema von der man eine geteilte Meinung haben kann. Die Umsetzung und unter welchen Bedingungen das ganze letztlich stattfindet ist diskutabel, aber ob es Emanzipation geben soll oder nicht, steht außer Frage. Astrids „Meinung“ ist zwar nicht rechtlich, dafür aber im höchsten Maß moralisch verwerflich.

Freie Meinungsäußerung findet also nicht ohne rechtliche und moralische Einschränkungen statt, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Das ist ein Appell an alle Meinenden auf der Straße, im Wohnzimmer und in sozialen Netzwerken. Es ist schlimm genug, dass ihr mit euren als Meinungsäußerung deklarierten Unwahrheiten und Ängsten wütend auf dem Sofa sitzt, aber noch schlimmer ist es, wenn ihr sie öffentlich macht. Dann kann jeder sehen, dass ihr nie weitergelesen habt.